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EqualCareDay

Ich hatte irgendwann die vergangenen Wochen schon mal davon gehört. Von diesem ominösen

#EqualCareDay.

Heute Morgen saß ich mit zwei der Jungs auf unserem Fußboden und ging die Nachrichten des Tages durch. Dabei stieß ich in meiner twitter-TL erneut auf den #EqualCareDay. Erst gestern Abend hatte ich ein gefühltes xtes Mal diesen Text entdeckt, bei dem der Mann von der Arbeit kommt und das totale Chaos Zuhause vorfindet. Die Zustände im trauten Heim sind so katastrophal, dass er davon ausgeht, dass seiner Frau etwas Schreckliches passiert sein könnte. Er hastet die Treppen in die 1. Etage hinauf und entdeckt seine Frau lesend und lächelnd im Bett. Ihre Antwort auf sein Entsetzen geht dahin, dass er sie doch immer frage, was sie eigentlich den ganzen Tag über treibe? Nun ja, an diesem Tag hat sie all diese Dinge nicht getan, um ihm das Ausmaß ihres Einsatzes zu zeigen.

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Grundsätzlich: Ja, die Leistungen der CareArbeit entdecken wir erst, wenn wir sie für einen Zeitraum einstellen. Nur allzu schnell nehmen wir sie als selbstverständlich an und hin und bemerken dabei gar nicht die Arbeit und den Einsatz von Zeit und Energie für diese Aufgaben.

Trotzdem nervt mich diese Art der Darstellung immens. Denn was mir fehlt, ist die Konsequenz dahinter. Diese Darstellungen ernten in der Regel ein „Richtig so.“ oder einen fetten „:D“. Das wars dann aber auch schon. Ich sehe einfach keine Änderung meiner Situation.

„Na dann geh doch arbeiten, dich beruflich verwirklichen. Viele andere Mütter machen es doch nicht anders. Und kriegen es gut hin.“

Aber darum geht es ja nun mal nicht.

Ich liebe meinen Job

Meine Entscheidung Zuhause zu bleiben war eine sehr bewusste, zumal ich zuvor drei Monate nach der Elternzeit für 30 Stunden die Woche arbeiten war. Diese drei Monate waren anstrengend und ich merkte, dass ich persönlich an anderer Stelle einfach „richtig“ war.

Du hast dich entschieden. Dann beschwer dich auch nicht.

Ich blieb Zuhause. Wir tauschten nochmal die Rollen und ich merkte, dass es so vorerst gut funktionieren können würde. Ich ging in meiner Rolle auf, wenngleich ich merkte, dass dieser Job auch ganz schön hart sein konnte und wurde: Arztbesuche, sieben mal am Tag wickeln – mindestens, den Haushalt schmeißen, kochen, Termine organisieren, Hausaufgaben anleiten, Lehrer- oder Erziehergespräche führen, Freizeitgestaltung planen… und das war noch lange nicht alles.

Blöde Aufgaben gehören dazu

Klar, jeder Job hat auch seine Anforderungen. Arbeit ist Arbeit. In jedem Job gibt es Aufgaben, die einem nicht so gut gefallen. Nur ich bekomme kein Engelt für meine Leistungen. Auch und gerade nicht für die ungeliebten Aufgaben meines Jobs. Warum? Ehm, ich weiß nicht. Ist halt so. Wäre ich ein Mann, bzw. würden Männer zu 80% in diesen CareJobs zu finden sein, wäre der Einsatz für eine gerechte Entlohnung vermutlich ein anderer. Aber das ist eine ganz persönliche Vermutung. Verbittert? Ja, ein wenig.

Gegenüberstellung

Und während ich so auf dem Boden sitze, bemerke ich, was ich bis 9:35Uhr eigentlich schon alles geleistet hatte.

  • Kinder aufgeweckt
  • Frühstück gemacht
  • Baby gewickelt
  • anderes Kind angezogen
  • Kind zur Schule gebracht
  • Frühstück abgeräumt
  • Spülmaschine aus und ein geräumt
  • krankes Kind versorgt
  • Telefonate mit Kindertagesstätte und Ofenbauer geführt
  • Emails geschrieben (rund um den Blog)
  • Einkäufe eingeräumt
  • zwei große Puzzle mit dem kranken Kind gemacht
  • Betten gemacht, gestaubsaugt, Essen für den heutigen Tag geplant
  • Baby gestillt und ins Bett gelegt
  • Kleid vom Kind genäht – also ausgebessert
  • Das hier geschrieben.

Das ist der Zeitraum von 6.10Uhr bis 9:35Uhr. Im selben Zeitraum hat der Mann: verschlafen, ist aufgestanden, hat geduscht, eingekauft und schließlich angefangen zu arbeiten. Das Abarbeiten einer langen ToDoListe ist ihm bis dato allerdings nicht gelungen, weil auch in einer Agentur Außerplanmäßiges passieren kann.

Was ich mit dieser Gegenüberstellung bezwecke? Nun ja, wir haben heute schon beide unseren Teil an wertvoller Arbeit geleistet. Entlohnt wird der Einsatz meines Mannes. Meiner jedoch nicht. Das ist nicht gerecht. Es ist alles nur nicht das. Dabei sehne ich mich so sehr nach derselben Anerkennung meiner Arbeit. Ich will dafür nicht in regelmäßigen Abständen meine Arbeit niederlegen müssen.

So, und dann kommt dieser #EqualCareDay daher. Am 29.02.2016. In einem Schaltjahr. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Alle vier Jahre machen wir nun auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam.

Die Aktion ist toll! Die Idee dahinter so unglaublich wichtig im Hinblick auf Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit. Als Zeichen und

Erinnerung daran, dass Männer in Deutschland über 4 Jahre brauchen, um die Care-Arbeit  zu leisten, die Frauen in einem Jahr, also bereits im Jahr 2012 geleistet haben

(Quelle: geschrieben von sascha und almut auf http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/11/equalcareday/)

Nun ja. Der Tag an sich und die dahinterliegende Idee sind wichtig genug. Also schreibe ich einen Artikel. Und wieder spreche ich mich für Veränderung aus.

Erhöhtes Risiko für Altersarmut

Ganz aktuell habe ich mit der Situation einer Frau zu tun, die ihr ganzes Leben lang hart geschuftet hat. Sie war erst als Verkäuferin im Einzelhandel tätig, zwischendurch auch immer mal wieder. Doch ihr beruflicher Schwerpunkt lag in der CareArbeit. Sie hat drei Kinder erfolgreich geroßgezogen, ihre Schwiegereltern vollzeit gepflegt, genauso wie ihre eigene Mutter. Jetzt sind drei Jahrzehnte vergangen und sie hat sich mit prekären Lebenssituationen auseinanderzusetzen. Ihr Risiko für Altersarmut ist sehr viel höher als das einer gleichaltrigen,männlichen Person ohne Kinder mit einem beruflichen Vollzeitjob. Das ist nicht in Ordnung.

Da fällt mir gerade leider auch keine Frage an euch ein. Höchstens: Wie und aus welcher Perspektive ihr die Thematik seht?

Daher gibt’s hier heute diesen Artikel. In der Hoffnung mögliche Änderungen doch noch irgendwann miterleben zu können. Hier findet ihr noch ein paar weitere Artikel zum #EqualCareDay.

9 Kommentare

  1. Pingback: weitere Stimmen | Equal-Care-Day: 29.2.

  2. maybee sagt

    Arbeit, die man nicht sieht, wenn sie gemacht ist. Ich glaube das liegt eher an den Leuten, die die gemachte Arbeit nicht als solche sehen wollen.
    Saubere Straßen/Radwege sind da auch ein super Beispiel dafür. An 10 Tagen liegt Rollsplit auf dem Radweg. Das restliche Jahr alles einwandfrei. Jetzt kucken wir wie oft der saubere Radweg gelobt und wie oft der dreckige kritisiert wird. Das Verhältnis passt regelmäßig nicht zur Dreckigkeit 🙂

    Ich habe unlängst (altersmäßig in meiner Generation unterwegs der Mensch) den Satz gehört: „Ich kümmere mich ums Geld und du um den Rest.“
    Ich meine, dass das so unglaublich klar wird, was da wenigstens ein Teil des Motivs ist: Bequemlichkeit. Manche Menschen haben irgendwie ein Problem damit, wenn „die Arbeit“ (besseres Wort: die Beschäftigung) nicht um 17 Uhr aufhört. Da würde ich so ein ganz grundsätzliches Problem sehen. Ist auch blöd, wenn man dann irgendwie noch Sachen machen muss. Noch blöder, wenn man eigentlich keine Lust auf die Sachen hat.
    Das beobachte ich oft – nicht nur bei Männern übrigens – dass da einfach die Luft raus ist. Und ich beziehe mich nicht auf Leute in besonderen Belastungssituationen. Einfach zwei Erwachsene und ein Kind. Das ist manchen merklich zu viel.

    Anders: Wenn ich das was ich tue, nicht tun würde, wenn ich kein Geld dafür bekäme, nennt man das Arbeit. Wenn ich das was ich tue, mache, weil ich es (warum und wie auch immer) für richtig und wichtig halte, nennt man das Beschäftigung.

    Wir sollten grundsätzlich weniger Arbeit und mehr Beschäftigung haben. Da gibts auch oft genug auch Geld zu verdienen.

    Und wir sollten in diesem Gleichverpflichtungsthema mal (alle) anerkennen, dass Familie nicht einfach so passiert, sondern man(n und frau) sich dafür im Regelfall entscheidet und die Konsequenzen daraus tragen sollte.

    Aus Klarstellungsgründen: Ich verstehe dieses Anerkennung haben wollen total. Ich denke dass das Beschäftigungs-Thema auf einer parallelen Ebene verläuft. Der Zusammenhang wird afaict einzig an der Abgrenzung Arbeit/Beschäftigung ersichtlich, insoweit das Motiv für Arbeit oft Anerkennung in Geldform ist.

    Call me naive: Wenn wir diese Familienleistung mit Entgelt vergüten, dann würden wir sie vielleicht völlig entwerten? Kuck dir mal an, was man für Geld alles machen kann in unserer Gesellschaft. Ziemlich krank imho. Wollen wir da wirklich dazu gehören?
    Insoweit kann man das auch positiv reframen, wenn man für seine Beschäftigung kein Geld bekommt, als absolutes Qualitätsmerkmal.

    Ich finde diese Gleichberechtigung selbstverständlich. Wir leben das inzwischen hier auch so. Meine bessere Hälfte hat z.B. grade so viel um die Ohren, dass ich als nächstes den Haushalt mache (alleine! ;-)). Selbstverständlich, zumindest hier.
    Aber das ist nun auch nichts, was hier zu Lande auf Bäumen wächst, stelle ich immer wieder fest.
    just my 2 cents

    Aufgeschnappt habe ich in dem Kontext einen schönen Satz:
    Mein/e Partner/in muss mir nicht im Haushalt helfen. Ich komme mit meiner Hälfte ganz gut klar.

    • rage sagt

      Lieber maybee, unsre Denke scheint an vielen Stellen sehr kompatibel. So Sätze, wie „Und du machst den Rest…“ Mein Gerechtigkeitsempfinden schlägt da einfach sehr aus. Ich kann froh sein, keinen solchen Mann zu haben. Ich bin dankbar, dass wir tatsächlich gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander stehen und uns gegenseitig zu unterstützen versuchen, wo eben möglich. Aber auch hier scheint das in meinem Umfeld nicht die Normalität zu sein. Und wenn ich dann dieses Bild der Mittfünfzigerin vor Augen habe, dann ist das einfach nicht in Ordnung.
      Ich würde mich immer wieder für meinen Job hier entscheiden. Meine Arbeit macht Sinn. Zutiefst. Das weiß ich. Das seh ich. Dass uns als („Groß“)Familie aber an vielen Stellen das Leben nicht leichter, sondern schwerer gemacht wird, meine sinnhafte Beschäftigung mit Blicken und Worten sogar abgetan wird, das kann ich einfach nicht so stehen lassen. Da kann ich auch nicht selbstbewusst drüber stehen. Ich muss hierbei meinen Mund aufmachen. Aufmachen können und dürfen.
      Der Satz mit dem Haushalt: Ja, der ist toll. Er kann einen stark machen, wenn es darum geht sich nach innen (zur Beziehung mit dem Partner) oder nach aussen (zum Umfeld) stark zu machen. Aber das reicht mir nicht.

      Ich wünsche mir sehr ein BGE.

      just my 2 cents?

      • Nanne sagt

        Ich bin mir nichtvsicher, ob ein bge was ändern würde, wäre dann nicht relevant, ob man mehr geld als das bge hat?
        Ich habe noch keine Meinung zu dem Thema.- ich verstehe den Wunsch nach finanzieller Anerkennung, frage mich aber auch, wo das geld herkommen soll. Es würden bestimmt mehr Frauen zuhause bleiben. Ich selbst vielleicht auch. Meine Motivation arbeiten zu gehen ist u.a. auch die, dass ich meinem Mann langfristig die Möglichkeit geben möchte, Stunden zu reduzieren.
        Die Gesellschaft unterstützt diesen Lebensstil schon z.B. durch die Familienversicherung der Krankenkasse, und durch wirklich hohe Summen an Grundsicherung, Rente etc. für Frauen, die nie oder wenig gearbeitet haben. Das geht schon für eine einzelne Person in die Hunderttausende. Helma Sick greift das im Buch „ein mann ist keine altersvorsorge“ auf.
        Wie gesagt, ich bin mir unschlüssig…
        Beim Lesen deines Kommentares ist mir aber aufgefallen, dass mich eine Sache definitiv stört: das deine entscheidung zu hause zu bleiben von anderen abgewertet werden. Mich nervt dieses ständige be- und abwerten. Und auch, diese implikation, dass nur arbeit wertvoll ist, die bezahlt wird.
        Ich finde, deine Beiträge dazu immer spannend, auch weil ich eher aus einer anderen VWLstudiumsgeprägten Denkrichtung komme.
        Sorry für groß- und kleinschreibung, ich schreib am Tablet.
        LG Nadine

  3. Kaleen sagt

    Das kenne ich nur zu gut.
    Ich bin auch bewusst und gerne seit nun fast 6 Jahren zuhause bei meinen Kindern. Erwartet wird natürlich, dass ich wieder arbeiten gehe, obwohl ich genug arbeit habe um die ich mich kümmer.
    Meine Lösung für uns alle – egal in welcher Rolle man steckt – wäre: bedingungsloses Grundeinkommen. Dann könnte jeder das machen was sie/er möchte und hat mit CareArbeit ein Einkommen. Zumal es auch das gesamte familiäre oder sogar auch gesellschaftliche Gesamtgefüge ändern würde, wenn man nicht mehr nur zum Geldverdienen einer Tätigkeit nachgehen müsste.
    Ich träume und hoffe …

  4. Hallo Rage!

    Ich hatte mit dem Thema auch lange Zeit ein Problem. Gar kein Kleines!

    Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich so entschieden hatte, weil ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen will und mir das wirklich wichtig ist für sie da zu sein.

    Heute ernte ich die Früchte – meine Beziehung zu den Kindern ist sehr gut und sie sehen nun auch das Verhalten des Vaters in einem anderen Licht.

    Vieles wird erst sichtbar, wenn die Kinder erwachsen sind. Ich bin froh, dass ich einen gute Grundstein gelegt habe.

    lg
    Maria

  5. Ja, die Jahre waren hart. Ich kenne das Gefühl. Eine Beschwerdestelle gab es damals nicht für meine Unzufriedenheit. Gesellschaftliche Anerkennung gab es nicht. Das war sehr bitter. Es wurde besser als ich mir selbst die Anerkennung gegeben habe. Und da ist auch der Schlüssel!
    Das Leben mit Kind war sehr erfüllend, beruflich ein Abstellgleis. Ich hab dann beruflich was Neues gestartet. Die Idee kam mir beim Putzjob. Jetzt hab ich alles: Ein erwachsenes Kind dem ich mich voll gewidmet hab, 2 Berufe und vor allem kein Burn Out. 🙂 Ich bin noch nicht mal geschieden wie mein Freundeskreis. :)) Die Dramen finden jetzt woanders statt. „Du bist in meinem Freundeskreis die jüngste Mutter mit dem ältesten Kind“, meinte meine Freundin mal. Das hat mich sehr gefreut.

  6. Die Sache mit der Altersarmut. Ein leidiges Thema für einen alten Gewerkschafter. Weil die eigene Gewerkschaft sich nicht mit Ruhm bekleckert. Altersarmut liegt, viel zu oft, ausserhalb des Horizontes.
    Ein Grund dafür ist, das Altersarmut nicht auffällt. Menschen, die von dieser Art der Armut betroffen sind, haben gelernt, das Armut etwas ist, das einen nicht betreffen darf. Wenn Armut als Versagen gesehen wird, dann wird alles getan, um das vermeintliche Versagen zu verschleiern.
    Deshalb sind Statistiken zum Thema auch sehr fraglich. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiss niemand.
    Altersarmut ist weiblich. Gerade Frauen haben eine „gebrochene Erwerbsbiografie“. Solange Kindererziehung, Pflege von Familienangehörigen und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse nicht als Arbeit gesehen werden, wird Altersarmut auch weiterhin weiblich sein. Schliesslich gibt es, auch eine Folge überkommener Vorstellungen, diejenigen Frauen, die hoffen, der Mann wird schon alle versorgen. Das ist kein Vorwurf.
    Ich weiss nicht, wir ihr das seht. Aber ich denke, das Altersarmut, in einem Land wie Deutschland, eine Schande ist. Ein reiches Land, eine armselige Einkommensverteilung.
    Eine gute Lösung wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Auch das ist nicht der goldene Weg. Aber wenigstens ein Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit.

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