Das Leben wird einfacher sein. Elvira Knopfs Kolumne.

Mein Name ist Knopf. Elvira Knopf. Ich wohne in der Schubertstraße 43. Ein gelbes Mehrfamilienhaus. Meine Wohnungstür befindet sich gegenüber von Herrn Lehmann, dem alten miesepetrigen Kauz, dessen übelriechenden Schuhe immer das gesamte Treppenhaus einen SchweizerkäseGestank verleihen. Über mir wohnt der freundliche junge Mann. Er ist bestimmt Student und lernt irgendwas weltveränderndes. Politologie oder sowas. Ein ganz sympathischer und höflicher Student, der einem die Tür aufhält und auch für Herrn Lehmann ein Lächeln bereit hält. Wenn mir das schon nicht gelingen mag, dann ist ihm sein guter Wille hoch anzurechnen. Unter mir wohnt diese alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Manchmal scheint sie auch eine PatchworkMutter zu sein. Abhängig davon, mit welchem jungen Vater sie sich gerade leiert sieht. Der letzte schien noch gar kein Vater zu sein, daher hielt die Bekanntschaft wohlmöglich auch nicht lange. Ein sabberndes, Breispuckendes 13Monate altes Kind ist eben nicht jeder Manns Sache.

Außerdem wohnt da noch die türkische Familie von Murat. Den Nachnamen kenne ich leider nicht. Ich gestehe, ich kann ihn nicht aussprechen. Frau Meyer wohnt ganz unten, um nicht zu viele Treppen steigen zu müssen. Ich glaube, ihr Enkel hat bei der Wohnungsbaugesellschaft noch irgendwelche Gefälligkeiten offen. Wenn irgendwelche Renovierungsarbeiten am Haus anstehen, werden die zunächst im Erdgeschoss vorgenommen. Bisweilen wurde die ein oder andere Maßnahme auch in der 1.Etage vollzogen. Doch bis auf meine Wohnetage gelangte noch keine. Eine Frechheit ist das. Also wohne ich noch immer mit einem Bad aus den 80er Jahren. Aber ich bin ja genügsam. Sowas stört mich nicht und bringt mich nicht so schnell aus der Ruhe.

Ich bin eine freundliche Mitmieterin. Außer den Herrn Lehmann und das türkische Familienoberhaupt, grüße ich fast jeden. Fast immer. Ab und an muss ich der alleinerziehenden Mutter unter mir mal sagen, wie wir das früher gemacht haben. Mit dem Erziehen. Und dem Müll rausbringen. Und dem Putzen des Treppenhauses. Aber das mache ich ja gerne. Ich bin eine sympathische und durchaus integre Nachbarin in unserem Wohnhaus. Sie können alle froh sein, dass sie mich haben. Besonders die Mami unter mir. Vier Kinder habe ich großgezogen. Nachdem mein Mann mich verlassen hat, habe ich das Leben bei den Hörnern gepackt. Sie kann durchaus von meinen Erfahrungen profitieren, denn ich teile sie gerne. Sie trägt ihr Kleines immer auf ihrem Rücken, während sie den Großen im Kinderwagen vor sich herschiebt. Das ist doch eine total falsche Herangehensweise. Der Große kann schließlich laufen. Der Große soll laufen und ihr Kleines packt sie dann in den Kinderwagen. Mal abgesehen davon, dass man das Kleine dann auch viel besser sehen kann, umgeht sie die Rückenprobleme im Alter. Sowas kann doch auf Dauer nicht gut sein. Und verzogen werden die Kinder dann auch. Ich habe ihr schon oft gesagt, dass sie das mit dem Tragen sein lassen soll. Aber sie lächelt mich immer nur an. Diese jungen Eltern sind einfach nicht mehr offen für die Ratschläge unserer Generation. Aber wer nicht hören mag, muss fühlen. Ich werde weiterhin die Augenbrauen hochziehen und ihr einen missbilligenden aber mitleidvollen Blick schenken, wenn ich sie aus der Haustür kommen sehe. Vielleicht wird sie sich doch noch irgendwann eines Besseren belehren lassen.

Denn so alt ist Elvira Knopf nun auch noch nicht, als dass man meine Ratschläge nicht bedenken sollte. Mit meinen 53 Jahren stehe ich mit beiden Beinen im Leben. Ich kann nur hoffen, dass sich meine Kinder etwas aus meinen Ratschlägen machen. Das Leben wird um einiges einfacher für sie sein.

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