Die GemüseAckerdemie. Ein Interview.

Logo_GemueseAckerdemie_RGBBeim Stöbern durch das vorletzte greenpeace-magazin bin ich auf euch aufmerksam geworden. GemüseAckerdemie: Was für ein cooler Name. Was verbirgt sich hinter dieser einfallsreichen Wortschöpfung, die Lust auf grün macht?

Hinter der GemüseAckerdemie verbirgt sich ein Ort, an dem Schüler aufeinandertreffen, um zu ackern, zu lernen und zu ernten.

Die GemüseAckerdemie ist ein Bildungsprogramm des gemeinnützigen Vereins Ackerdemia für Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Unser Ziel ist es, ein Verständnis für die natürliche Nahrungsmittelproduktion zu schaffen und somit die Wertschätzung für Lebensmittel zu steigern. Innerhalb des Programms unterstützen wir die Schulen mit allem rund ums Thema Schulgarten. Gemeinsam suchen wir eine geeignete Ackerfläche in Schulnähe, erstellen einen individuellen Anbauplan, kümmern uns um Saatgut und Jungpflanzen und legen den Acker zusammen mit den Schülern an. Neben der praktischen erhalten die Schulen auch fachliche Unterstützung. Die Lehrpersonen werden in unseren AckerFortbildungen im Bereich Pflanzenbau geschult und erhalten umfassende Lehrmaterialien für ihren Unterricht. Das macht die GemüseAckerdemie zu einem Jahresprogramm, bestehend aus der theoretischen Vor- und NachAckerzeit, die die Ackerzeit einrahmen. So kann die GemüseAckerdemie in jede Schulform integriert werden, egal ob als AG oder direkt in den Unterricht.

Sitzt man für so eine Idee auf dem Klo und hat plötzlich einen Gedankenblitz? Oder reift ein solcher Gedanke hinter einem langweiligen Schreibtisch heran? Oder entsteht durch das Privatvergnügen zwischen Karotten und Bohnenstauden?

Vermutlich ist es eine Mischung aus all diesen Sachen. Die Idee zur GemüseAckerdemie entstand aus der Wissenschaft ist aber gleichzeitig geprägt durch den privaten Hintergrund des Initiators Dr. Christoph Schmitz, der selbst auf einem Hof in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen ist, wo seine Eltern regelmäßig Schulklassen empfingen. Als Agrarwissenschaftler und Volkswirt stellte Christoph Schmitz jedoch die langfristige Wirkung dieser Tagesausflüge in Frage. Etwas Nachhaltiges musste her. Ein Programm, bei dem Kinder die gesamte Wertschöpfungskette des Gemüses erfahren – und das nicht in Form von Frontalunterricht, sondern durchs Selbstmachen. Ausgereift ist der Gedanke schließlich in seiner Elternzeit, in der Christoph Schmitz das Konzept „GemüseAckerdemie“ ausarbeitete. Gemeinsam mit seiner Schwester, die selbst Lehrerin ist, wurde ein Jahr lang getestet und gefeilt. Dann war die GemüseAckerdemie startklar.

Wer ist/sind die Gründer?

Im Frühjahr 2014 wurde die GemüseAckerdemie unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Ackerdemia e.V. in Potsdam offiziell gegründet. Mittlerweile gab es weitere Mitstreiter. In Julia Krebs und Johanna Lochner fand Christoph Schmitz zwei Expertinnen auf den Gebieten Marketing/Kommunikation und ökologische Landwirtschaft/Pädagogik. Zusammen führten sie ein weiteres Pilotjahr in Berlin und Brandenburg durch. Gelichzeitig wurde auch im Rheinland nochmals getestet und evaluiert.
Mittlerweile besteht Ackerdemia aus einem 10-köpfigen interdisziplinären Team mit Büros in Potsdam, Berlin und Erkelenz.

Warum dieses Projekt? Warum diese Idee?

Ackereinrichtung_Potsdam_Park_BabelsbergDer Bezug zur Natur wird nicht gerade größer – Stichwort „Lila Kuh“. Immer weniger Kinder in Deutschland wissen, wo ihre Nahrungsmittel herkommen und wie man sie anbaut. Außerdem möchten wir etwas gegen die große Verschwendung von Lebensmitteln tun, denn inzwischen werfen wir rund jedes achte Lebensmittel weg, bei Obst und Gemüse sind es sogar über 40 %.

Verständnis, Bezug und Wertschätzung der Natur möchte die GemüseAckerdemie wiederherstellen. Wir bauen nicht einfach nur ein paar Monate im Jahr Gemüse an. Das Bildungsprogramm hat viele Besonderheiten. Besonderen Wert legen wir darauf, dass die Schüler die gesamte Wertschöpfungskette des Gemüses erfahren. Von der Aussaat bis zur Vermarktung, im Idealfall sogar bis zur Verarbeitung. Dadurch bekommen sie ein Gespür dafür, wie viel Arbeit in ihrem Gemüse steckt, wie viel Zeit sie investiert haben und welch intensive Pflege ein Acker braucht.
Außerdem hört die GemüseAckerdemie nicht auf dem Acker auf. Zum Bildungsprogramm gehört auch ein Online Spiel, in dem die Kinder ihr AckerWissen unter Beweis stellen können. Damit die Kinder nicht nur das Gemüse in ihre Familien tragen, sondern auch das Wissen darüber gibt es außerdem unser neues KartenSpiel „Fette Ernte“, das spielerisch interessante Aspekte über Gemüse und gesunde Ernährung vermittelt. Unbedingt ausprobieren!

Welche Ziele verfolgt ihr mit der GemüseAckerdemie?

Unsere Ziele sind sehr vielfältig und aus völlig unterschiedlichen Bereichen. Natürlich möchten wir den Kindern landwirtschaftliches Wissen vermitteln und die Prozesse, die auf dem Acker ablaufen näher bringen. Dazu gehört auch die Schulung ihrer Fähigkeit im Umgang mit Pflanzen, Schädlingen und Werkzeugen. Gleichzeitig stärken sie auch ihre sozialen Kompetenzen, wie Teamfähigkeit und Achtsamkeit. Zudem sehen wir gerade auf dem Acker eine Chance für lernschwache Kinder, ihr Können unter Beweis zu stellen und zu fördern.
Alles in allem wollen wir den Schülern die Zusammenhänge natürlicher Nahrungsmittelproduktion erklären, die Wertschätzung von Lebensmitteln steigern und ihnen letztendlich frisches Gemüse schmackhaft machen!

Was sind die zwei einschneidendsten Erlebnisse, die ihr in eurer Arbeit bislang gemacht habt?

Ackern_Brandenburg_WustermarkEines dieser einschneidenden Erlebnisse kommt direkt vom Acker und ereignete sich noch im ersten Pilotjahr der GemüseAckerdemie. Es gab der GemüseAckerdemie quasi ihre Daseinsberechtigung: Ein 10-jähriges Mädchen, das noch nie (bewusst) eine frische Tomate gegessen hat. Ja, sie kannte Tomaten von der Pizza. Nicht aber als kleine rote Früchte, die man sich roh in den Mund stecken kann. Das Überraschende daran, dieses Mädchen kam nicht etwa mitten aus dem Großstadtdschungel, sondern aus einer ländlichen Region im Rheinland.
Das zweite einschneidende Ereignis waren dann die Stipendien und Auszeichnungen des vergangen Jahres. Durch verschiedene Gründerstipendien erhielten wir u.a. Büroräume und Coachings. Im Mai 2014 wurde das Bildungsprogramm dann auch noch von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum startsocial Bundessieger in der Kategorie Bildung gekürt. Welch große Ehre für die noch junge GemüseAckerdemie!

Wo wollt ihr hin? Was ist eure Zukunftsvision?

Unser Wunsch ist es, jeder Schule die Möglichkeit zu geben, die GemüseAckerdemie anzubieten, wenn sie es will. Das heißt jedem Kind die Chance geben, Ackererfahrung zu sammeln und die Natur ein Stück besser kennenzulernen!
Wichtig ist uns dabei, möglichst unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen: Schulkinder und Kitakinder, auf dem Land und in der Stadt, an Privatschulen und an Schulen in sozialen Brennpunkten.

Wenn man sich auf eurer Webseite ein wenig umschaut, stellt man fest, dass sich eure Wirkungs-Standorte bislang in vier Bundesländern befinden. Wie kann man euch und eure Arbeit unterstützen?

Genau! Momentan sind wir in unseren drei Anfangs-Bundesländern Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Außerdem gibt es in Niedersachsen eine Schule und einen Sportverein, die das Programm anbieten. Im Herbst geht es auch in den Regionen München und Wien los und einige weitere Standorte sind bereits für das Frühjahr 2016 in Planung.
Unterstützen kann man die GemüseAckerdemie auf vielfältige Art und Weise. Ehrenamtlich kann man als AckerMentor mithelfen, indem man die Lehrperson wöchentlich auf dem Acker unterstützt und dort zusammen mit den Kindern ackert. Als gemeinnütziger Verein freuen wir uns aber auch über finanzielle Unterstützung, z.B. durch eine AckerTeamPatenschaft oder durch den Einkauf in unserem AckerShop.

Wie könnte sich eine GemüseAckerdemie auch im Süden Deutschlands installieren lassen?

Wir sind ja bereits dabei, die GemüseAckerdemie auch in Süddeutschland zu etablieren. Grundsätzlich brauchen wir immer eine zuständige Person vor Ort, die den direkten Kontakt zu den Schulen pflegt, die Ackereinrichtungen übernimmt und sich mit den Gegebenheiten (Klima, Boden etc.) in ihrer Region auskennt. Neben dieser Person muss es am besagten Standort potentielle AckerSchulen geben, die unser Bildungsprogramm anbieten möchten.
In München und Wien ist dieser Fall eingetreten. Deshalb sind dort unsere erste Schule im Süden Deutschlands bzw. die erste außerhalb Deutschlands. Auch aus den Gebieten Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg kommen erste Anfragen.
Langfristig wird es die GemüseAckerdemie dann auch in anderen Regionen Süddeutschlands geben.

Du willst AckerSchule werden? Dann schreibe uns an info@ackerdemia.de

Vielen Dank für deine Zeit, Hannah! Du hast uns einen tollen Einblick gegeben und ich persönlich finde euer Engagement großartig!! Wir wünschen euch weiterhin viel Grün, viele Ackerflächen und so positive Erfolgserlebnisse wie in den vergangenen Monaten.

Ihr habt noch weitere Fragen? Her damit! Entweder hier in den Kommentaren oder aber direkt an die GemüseAckerdemie.

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