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RückbildungsGymnastik

Es gibt einfach Dinge, von denen erfährt man erst, während oder nachdem man sein erstes Kind bekommen hat. Dass bei der Geburt beispielsweise Stuhlgang ‘abgehen’ kann. Dass es da auch noch so etwas wie die Nachwehen gibt und dieser Mutterkuchen, genannt Plazenta, ebenfalls irgendwie den weiblichen Körper verlassen muss. Dass man einige Tage heftige Nachblutungen hat und es ja auch noch so etwas wie den Wochenfluss gibt. Vier bis sechs Wochen dauert das Ganze. Oder die DammMassage. Welcher Damm? Wo ist der denn bitte schön? Mit Öl durch den Partner massieren lassen, ehm, ich weiß nicht. Muss das sein? Irgendwo da am Anus?

Warum hat man mir das damals nicht gesagt? Mir wurde das erst einige Wochen vor der eigentlichen Entbindung klar, als mein Schwangerschaftsbuch darauf hinwies. Mein Schwangerschaftsbuch! Weder im GeburtsvorbereitungsKurs oder durch meine Mutter oder Schwiegermutter wusste ich von solchen “Dingen”. (Jetzt ist es raus.) Im “echten Leben” freuten sich alle lediglich auf das, was da kommt. “Das, was da kommt” wurde nicht mit den leidlichen Nebenwirkungen einer Geburt in Verbindung gebracht. Alles, was zählt waren und sind die Schönheit, Cuteness und Genialität – gemeinhin als “Baby” bezeichnet. Von Gott durchaus sinnvoll so arrangiert, wer würde sonst noch Kinder kriegen wollen, wenn er wüsste, dass man dabei wirklich alles loslässt, was in einem steckt?!

Die RückbildungsGymnastik zählt auch zu diesen Dingen, von denen ich nicht wusste. Sie wurde zwar in einer der Vorbereitungsstunden zur Geburt erwähnt, aber beim ersten Mal konnte ich nicht wirklich etwas damit anfangen. Vermutlich wurde es zum Thema, um uns werdende Mütter auf einen durchhängenden Beckenboden vorzubereiten, der eben neun, na ja, sagen wir sechs Monate aufs Massivste beansprucht wurde. Da macht es Sinn, ihn nachher, nachdem alles von ihm so weich und schlapp der Schwerkraft nachgibt, zu trainieren. Als ich damals, im schwangeren Zustand,  “Kirschkerne picken” sollte, wusste ich weder womit noch wohin. Oder Fahrstuhl fahren oder eine Seerose zusammenfalten oder eine Kugel eine Spirale nach oben rollen lassen. Bitte wie?

Es gibt unendliche viele Bilder, um da unten alles irgendwie wieder “auf Vordermann” zu bringen, nicht wahr? Verbunden mit Anspannung. Anspannen, was sich eben anspannen lässt. Anspannen so lange es geht. Anspannen, bis es nicht mehr geht.

Nach der ersten Geburt habe ich mich an einen Trainingsplan der Physiotherapeutin aus dem Krankenhaus gehalten. Das war ganz gut und hat mir mehr gebracht als der RückbildungsKurs vier Monate später.
Beim zweiten habe ich mich dann an den Übungen von damals orientiert und im zweiten Schritt mein Davina-Workout von einer Freundin aus England in Angriff genommen. Ich muss sagen, hinsichtlich der Bauchmuskulatur: Super! Aber das ist ja irgendwie immer erst der zweite Schritt. Der damalige RückbildungsKurs hat die mir bekannten Übungen wiederholt und sollte vermutlich als Ziel haben, die Mütter grundsätzlich zurück in oder neu an den Sport zu führen. Das gelang mir jedoch selber einfach besser, weil ich das Laufen liebe.

So, und was ist jetzt der Plan? Nach der letzten Geburt? Eine  Freundin  meinte unlängst, dass sich dieses ganze RückbildungsZeug ja eh erst lohne, wenn das Kinderkriegen ein Ende hat. Na ja, ich weiß es nicht. Sicher ist sicher, dachte ich mir und hatte schon wieder mit meinen Übungen begonnen. Da erzählte eine andere Freundin, die gerade schwanger war, vom Tanzberger Konzept. Sie fuhr extra zur Krankengymnastik, um sich damit auf diese Rückbildungsgeschichte vorzubereiten.

Mir sagte der Begriff erstmal gar nichts. Einen Vormittag ließ ich mir von ihr einen Einblick in die Übungen geben. Zudem erklärte sie mir, auf welcher Grundlage hier die Rückbildung trainiert würde.

Die Übungen werden mit einem speziellen Beckenboden-Therapieball durchgeführt, der aus einem sehr elastischen Ballmaterial besteht. Dadurch entsteht eine Bewegungs- und Trainingssituation, die so bislang nicht anders geschaffen werden konnte. Die Tatsache, dass dieser Ball für das Wahrnehmen, Trainieren und Schulen meines Beckenbodens nötig sein sollte, hat mich zunächst etwas abgehalten. (Es war mir lediglich nicht einfach genug. Musste ich mir jetzt erst ein Trainingsgerät anschaffen?)

Überzeugt, der Idee eine Chance zu geben, haben mich folgende fünf Punkte:

* Es geht darum unsichtbare Beckenboden- und Schließmuskeln zu trainieren. Damit setzt das Konzept genau an dem Punkt an, der mir so unglaublich schwer fällt. Ähnlich wie so manch andere Muskelgruppe, nimmt man den Beckenboden nur schwer war. Ich muss also erstmal eine Vorstellung von seinem Aufbau, seiner Struktur und seiner Funktionsweise gewinnen, bevor er geschult, trainiert und in vollem Maße funktionsfähig gemacht werden kann. Durch bestimmte Abwalzbewegungen auf dem Ball, verbunden mit der Atmung, soll der Beckenboden wahrnehmbarer werden. (Wobei das auch andere Trainingsprogramm enthalten.)

* (Re-) Aktivierung des automatisch funktionierenden Beckenboden-Schließmuskel-Systems durch spezielle Bewegungen, Vorstellungen und Übungen. Nicht durch verkrampftes Aufzug fahren im Genitalbereich, sondern durch das einfache Ausführen einer Bewegung wird dem Beckenboden ein Impuls gegeben, auf den er durch muskuläre Anspannung reagiert. Diese wiederum trägt zur Reaktivierung des Gesamtsystems bei; wenn ich das richtig verstanden habe. Ohne Verkrampfen. Damit er letztlich wieder “von ganz alleine” funktioniert. (Hat er vorher ja auch.)

* Leicht zu erlernende Bewegungsabläufe. Ich würde das gerne im Selbststudium versuchen. Vielleicht zusammen mit der Freundin. Da es aber durchaus zu schädigenden Wirkungen kommen kann, wenn beispielsweise der Ball nicht prall genug aufgefüllt ist oder Übungen schlichtweg falsch durchgeführt werden, ist es gut, wenn die Übungen ein gewisses Maß an Einfachheit und Durchführbarkeit besitzen.

* Integration in den Alltag. Für mich ist es wichtig, dass ich so ein Training auch während meines restlichen, ganz normalen Chaostages einschieben, unterbrechen und fortführen kann. Wenn  ich immer erst wer weiß was vorbereiten muss, ist die Hemmschwelle anzufangen schon viel zu groß. (Daher hat mich die Anschaffung eines Balls an sich schon skeptisch sein lassen. Am liebsten wären mir einfach nur Übungen, für die ich eben keinerlei Trainingsgerät benötige.)

Nur solange die Kontinenz wieder vorhanden ist. Irgendwann habe ich mal gehört, dass ich jetzt ein Lebenlang immer wieder diese Übungen machen muss – jeden Tag 10 Minuten – wenn ich kontinenzsicher sein möchte und möglichen Problemen im Alter entgegenwirken möchte. Das hat mich ein wenig gestresst, weil ich die Übungen langweilig finde. Auch den Übungen mit dem Ball würde ich eine Runde Laufen oder ein fetziges Workout vorziehen. Dieses TanzbergerTrainingsKonzept ist nur so lange erforderlich, bis das Beckenboden-Schließmuskel-System wieder kontinenzsicher läuft. (Was natürlich nicht heißen soll, dass ab dann kein Sport mehr gesund ist. Ich glaube aber, es reicht dann, wenn ich dreimal die Woche den Sport und die Bewegung meiner Wahl ausführe.)

Im Netz habe ich mich nach diesem Ball auf die Suche gemacht und entdeckt, wer ihn herstellt und verkauft. Der Köglvertrieb hat mir freundlicherweise einen dieser Beckenboden-Therapiebälle zur Verfügung gestellt und ich übe und trainiere fleißig. So wie ich dazu in diesem Haushalt komme.

Und ich muss sagen:

Ich habe inzwischen eine Vorstellung davon, wie unser Beckenboden sich darstellt und funktioniert.
Ob mein System sich wiederherstellt, zumindest dabei ist, will ich doch mal hoffen. Kontinenz habe ich jedenfalls schon erreicht. (Test: Wenn ihr dringend aufs Klo müsst, macht acht Mal einen “Hampelmann”. Geht kein Tropfen aus, dann kann euer Beckenboden schon wieder ein bisschen was.)
Die Übungen sind außerdem einfach durchführbar – ich habe mir dazu zudem ein AuswahlHeftchen vom Tanzberger-Konzept zukommen lassen. Das Konzept, die Hintergründer und Übungen werden hier nochmal sehr gut erklärt. Kombiniert mit den Erfahrungen und Erzählungen meiner Freundin, fühle ich mich durchaus dazu in der Lage Atmungs- und Bewegungsabläufe gemeinsam, richtig umzusetzen.
Auch wenn die Kontinenz da ist, ich muss im Alltag so viel heben, was quirlig und ungebändigt ist, da kommt mir ein starker Beckenboden sehr entgegen und die Übungen machen Spaß. Also wird das Training nach so kurzer Zeit bestimmt nicht beendet.
Hinzukommt, dass es sich wirklich gut in meinen Alltag einbauen lässt. Der Ball liegt zur Hand und 10 Minuten auf dem Ball hopsen läuft fast unter der Rubrik “Baby bespaßen” und es freut sich tatsächlich mächtig mit.

Meine Erfahrungen mit der Rückbildung. Kennt wer von euch das Tanzberger Konzept und hat schon Erfahrungen damit gemacht? Habt ihr auch so ein herzliches Verhältnis zur Rückbildung? Ich freu mich auf eure Kommentare!

11 Kommentare

  1. Liebe Rage,
    mir hat eine Freundin letztens netterweise schon mal ein bisschen erzählt, wie das so nach der Geburt laufen und kann und noch einige “Windeln für die Mama” geschenkt.

    Übrigens ist es schon sinnvoll in der Schwangerschaft den Beckenboden in Maßen (!) zu trainineren. Ich bin einmal die Woche zu einem Aquafitnesskurs gegangen und mache jetzt bis zur Geburt noch Yoga für Schwangere. Da machen wir immer wieder Übungen für den Beckenboden.
    Und du hast den richtigen Riecher: Es ist sehr wichtig den Beckenboden nach jeder Schwangerschaft wieder zu trainieren, damit der auch die nächsten Babys gut halten kann und es keine Komplikationen gibt.
    Ich will eigentlich auch keinen Ball – allerdings stelle ich mir Rückbildung a la Baby bespaßen auf dem Ball ziemlich toll vor… Ich hatte als Jugendliche einen Gymnastikball als Schreibtischstuhl und fands super.
    lg Nanne

  2. Ich hasse es solche Anschaffungen machen zu müssen und überlege schon länger ob ich mir eine Ballblase zulegen soll, wie sie in meinem Kurs verwendet wird. Mach ich das später noch oder lass ich das nicht eh schleifen?
    Ich war richtig sauer nach der ersten Geburt dass ich auf manches nicht vorbereitet wurde. Nichtmal in der Geburts-Vorbereitung (!). Natürlich braucht’s keine Panikmache oder Perfektion, nur eben mehr Aufklärung und weniger Tabuisierung. Toll dass Du das so offen ansprichst!
    Wo ich da gerade wieder an alles denke kann ich es gar nicht glauben dass Frauen das trotzdem mehr als ein Kind kriegen. Aber dann guck ich rüber zum süßesten aller Geschöpfe und ich verstehe doch…
    Ganz lieben Gruß!

    • Oh, Beckenbodentraining wird nicht schleifen gelassen. Also schon – viel zu oft. Doch wenn ich mir dann von meiner Freundin (Ärztin) erzählen lasse, wie das “auf der Gyn im Krankenhaus” dann so läuft, warum Frauen im hohen Alter hin müssen, mach ich lieber dieses Training.
      Dennoch scheue ich diesen Anschaffungen ähnlich wie du. Die Ballblase habe ich hier auch liegen, aber noch nicht aufgepumpt. Mir fehlt diese dafür nötige Pumpe. Grmpf.

    • Das kann ich dir leider gar nicht so genau sagen. Ich hatte vor Jahren mal einen grünen. Der war erstens größer und zweitens war das Material irgendwie anders. Aber das ist Jahre her und ich kann ihn in der Tat nicht mit einem neuen aktuellen Sitzball vergleichen.

      Was mich aber zu einer Entscheidung für diesen Ball bewogen hat, ist die Tatsache, dass er in Deutschland hergestellt wurde und dass das Unternehmen damit wirbt, dass er einige Male vor der Komplettentsorgung recyclebar ist.

      Aber du hast Recht. Für mich schließt sich an deine Frage der Gedanke, wie lässt sich messen, dass ausgerechnet dieses Material die richtige Festigkeit hat? Denn schließlich dient er dazu, den Beckenboden nur sanft zu belasten und gleichzeitig zu einer stärkenden muskulären Reaktion zu führen. Wie lässt sich das beweisen?
      Na ja, und wenn es heißt, dass der Ball so oft recyclebar ist, wird er das denn auch? Wann ist das nötig? Ich hoffe ja sehr, dass der Ball jetzt mehr als ewig hält. ; )

  3. Wow, das hast du sehr treffend geschrieben.
    Bei mir war es so, dass ich erst von meiner Hebamme nach der Entbindung von der Rückbildungsgymnastik erfahren habe.
    Das Problem bei der Umsetzung war dann vorallem die zeitliche Komponente – wie sollen denn das nur Frauen mit Mehrlingen schaffen???

    Dennoch, ich bin froh, dass ich das gemacht habe – wie du schon sagst, das Problem mit der Inkontinenz ist nicht zu unterschätzen!
    LG
    Melli

  4. Ein wenig Rückbildungsgymnastik nach der Schwangerschaft hat noch niemandem geschadet. Die Betonung dabei liegt auf ein wenig, wieviel das für jeden ist muß man selbst rausfinden.
    Das Gegenteil schadet oft: zu viel machen

  5. Agnes sagt

    Ich bin durch Zufall auf den Nachnamen ‘Tanzberger” gestoßen. Ich suche bzw. suche immer noch Informationen ob man durch den Training eine ausgeprägte Rektusdiastase in den Griff bekommt. Hat jemand damit Erfahrung gemacht?? Bei mir folgt es über den Bauchnabel und endet Höhe KS, mehrere Finger breit…

    • Liebe Agnes, es sind spezielle Übungen nötig, um die Rectusdiastase zu schließen. Wenn diese mehr als 2 Fingerkuppen breit ist, wende Dich an eine erfahrene Physiotherapeutin auf dem Gebiet oder an eine Hebamme!

  6. Kerstin sagt

    Der Ball ist aus einem festeren Material als die “normalen” Bälle. Dadurch kann der Beckenboden nicht nach unten “absacken” wenn man auf dem Ball wippt. Wenn man einen normalen Ball sehr fest aufpumpt, kann man ihn natürlich auch benutzen, aber dann stimmt meist die Größe nicht mehr.

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