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WWOOFen. Ankunft in Schweden.

Bevor wir tatsächlich Deutschland hinter uns lassen konnten, hatte ich das dringende Bedürfnis zumindest festzustellen, ob die Entwicklung des kleinen Wesens in mir zeitgerecht, positiv oder auch gesund verlief. Vor allem und gerade wegen der Fehlgeburt, die etwa ein halbes Jahr zurücklag. Daher verlängerten wir unseren Aufenthalt um eine Woche und warteten den entsprechenden Arzttermin ab.

Diese Woche war sehr anstrengend. Erschöpft vom Umzug, dem eine Woche davor durchgeführten Drehtag mit dem ORF und der starken Übelkeit, habe ich täglich nur in den Seilen gehangen. Untergekommen waren wir bei unseren Familien, die selber – vermute ich – nicht so ganz wussten, was sie von dieser Vielzahl an Veränderungen und Entscheidungen in unserem Leben halten sollten. Nach einer Woche war es dringend notwendig aufzubrechen. Am Tag der geplanten Abreise verdarb ich mir jedoch so richtig den Magen. Statt vorzuschlafen und schließlich im Auto auf dem Weg gen Norden zu sein, hing ich in regelmäßigen Abständen über der Kloschüssel und fiel jedes Mal erschöpft ins Bett.

Am Tag danach waren wir noch nicht sicher, worum es sich handelt. MagenDarmInfekt, Magen verdorben? Obwohl ich wirklich am Ende war, hatte ich das Gefühl, dass wir endlich los mussten. Also schliefen wir vor, setzten uns nachts ins Auto und fuhren los. Endlich!

Zunächst verbrachten wir drei Tage in einem viel zu warmen Ferienhaus. Man mag es nicht glauben, aber den gesamten Juli über hatten wir etwa 30°C, Sonne und ich dachte, wir sind im falschen Film. Zwei Stunden, bevor wir zu unseren ersten drei CampingTagen im Zelt aufbrechen wollten, schmiss der kleinste Kerl den Flachbildschirm vom Fernsehschränkchen. Diese Möbelstücke, die es manchmal auch mit Rollen gibt, wisst ihr was ich meine? Der Kleinste hatte diese Rollen entdeckt und wollte mal ausprobieren, wie weit sich das Ding schieben und ziehen lässt. Der mit der Wandsteckdose verkabelte Flachbildschirm hielt davon nichts und rasselte mit lautem Gepolter hinten hinunter. Drei Tage vor der Übertragung des FußballWMFinales, das drei Frauen von hier aus mitverfolgen wollten. Zum Glück ging nichts am eigentlichen Bildschirm kaputt. Ein Kabelstecker riss ab, der die Nutzung des DVDPlayers möglich gemacht hätte. Ja. Meine Kinder kennen das nicht. Weder den Fernseher im Wohnzimmer. Noch diese Schränkchen. Das erste Mal blitzte der Gedanke in mir auf, dass Minimalismus vielleicht doch nicht so ideal sein könnte. Doch auf dem Weg weiter gen Norden verblasste dieser Gedanke sehr, sehr schnell. Schneller als er gekommen war und wir freuten uns auf unser erstes Campen.

Doch auch hier stellten wir schnell fest: Wir waren einfach noch nicht angekommen. Immer noch völlig erschöpft und viel zu schnell überreizt, versuchten wir unseren Platz zu finden. Im zweifachen Sinne; sowohl das Einrichten des PyramidenZeltes und Organisieren des Kofferraumes als auch unsere Rolle als deutsche Familie auf einem schwedischen Campingplatz. Die ersten zwei Nächte dachte ich wirklich: “Wir müssen wild campen. Unbedingt.” Meine Kinder hielten nichts von Nachtruhe und wir waren gefühlt die Letzten, die irgendwann um 22:30h Ruhe gaben. Es kam mir jedes Mal wie eine Ewigkeit vor, dass im Zelt endlich, endlich Ruhe herrschte. Der Mann hatte jeden Abend, ab dem Zeitpunkt der Abenddämmerung (gegen 19h) einen Puls von 180 und das gefühlte vier Stunden lang, bis die kurzen Kerle schliefen. (Ich machte mir nicht nur einmal Sorgen, dass er gleich anfängt nach Luft zu schnappen und ich ihn reanimieren müsste.)

GedankenExkurs: Die erste Woche Ausland und von unserer AbenteuerReise war sehr, sehr anstrengend. Ich habe mich die vergangenen Wochen oft gefragt, ob ich das alles hier so schreiben soll und kann? Ob es nicht dumm ist? Zu ehrlich? Ich dann zu angreifbar? Ich fragte mich, was für ein Bild will ich bei meinen Lesern hinterlassen? Ausmalen? Bei all denen, die schon im Vorfeld uns eine schöne Reise gewünscht hatten, gespannt waren, was wir zu berichten haben werden oder selber klar äußerten, sich so ein Abenteuer aktuell nicht in ihrem Leben vorstellen zu können?
Letztendlich stand immer fest, dass entweder alles geschrieben wird – die ungeschminkte Wahrheit – oder aber nichts. Weil wir aber tatsächlich so viele tolle Leute kennengelernt und ich für mich als rage und auch als Mutter viele Aha!-Momente erlebt habe, kommt nur Ersteres in Frage.

Wir waren schon viel zu zweit zelten. Aber noch nie zu viert und nur einmal zu dritt. Wir waren es gewohnt, uns nicht als Deutsche zu erkennen zu geben und möglichst nicht aufzufallen. Ich empfinde es immer als anstrengend, wenn man Deutsche schon von Weitem über den gesamten Zeltplatz rufen hört. Auch mit der Einstellung im AuslandsUrlaub in einem fremden Land nur auf deutsch zu kommunizieren, tue ich mir schwer. Doch jetzt waren wir diejenigen, die man durch ihre erzieherischen Maßnahmen schon aus 20Metern Entfernung als deutsche Familie mit kleinen Kindern ausmachen konnte. Daran musste ich mich gewöhnen. Das musste ich hinnehmen, um meinen Kindern und ihren Trotz- und VerweigerungsPhasen mit Geduld und ein bisschen Gelassenheit begegnen zu können. (Und gleichzeitig in Liebe meinem Mann die Hand auf den Unterarm zu legen und beruhigend auf ihn einzureden, wenn denn die Knots und Mücken über ihn herfielen.)

02_tiveden-0002_tiveden-02Und siehe da: Meine damit einhergehende Ruhe hatte auch auf den Rest der Familie Auswirkungen und wir begannen uns zu erden. Gegenseitig. Wir entdeckten plötzlich die Natur im Tiveden Nationalpark. Ein NaturschutzGebiet zwischen den beiden großen Seen Vänern und Vättern. Meine Übelkeit ließ nach und damit auch meine Gereiztheit. Wir entdeckten schnell, wie wir durch ein besseres Zeitmanagement den Mücken aus dem Inneren des Zeltes zuwinken konnten und schliefen erstmals seit Wochen 10-12h am Stück. Wir fuhren tatsächlich innerlich runter und konnten uns auf die am nächsten Tag anstehende WWOOFingStation mental vorbereiten und einlassen. Wie würden die Hosts uns willkommen heißen? Würden wir in den ersten Minuten das Bild der HorrorFamilie hinterlassen? Oder das von einer Familie, die von Liebe bestimmt ist und Lust auf ein Abenteuer hat?

13 Gedanken zu „WWOOFen. Ankunft in Schweden.“

  1. Tolle Reportage!

    Endlich wieder die lila Jacke in meinem Wohnzimmer. Die kleine Grüne kannte ich auch schon. Modulhaus im Grünen wäre auch mein Traum. Mit solchen Hochbeeten. Rasenmäher verleihen wir auch. Früher gab es einen für die 8 Häuser. Ich mag überhaupt die kleinen Tauschereien, die im Garten stattfinden. Die 50 Dinge wären auch nicht meins. Dann müsste ich mich mit meiner Tochter im Cafe treffen. Oder Gäste müssen sich Stühle mitbringen. Dann ist es nicht mehr gesellschaftsfähig. Joachim wohnt in Berlin und da sind auch die Strukturen. Er hat strahlt eine schöne Klarheit aus. Bin mit ihm und Michael für ein Buch über Minimalismus illustriert worden.

    Zum Artikel:
    Sich erden auf so ner Reise. Das kann ich nicht gut. Zu viele Eindrücke. Zeitgleich Kinder bändigen und ein Mann. Ja, für mich wär das der Horror! Du kannst viel parallel.

    1. Ich musste gerade an dich denken. Habe das Buch endlich nachgeschickt bekommen. Magst du es noch haben?
      Die Illustrationsanfrage hatten wir auch im Frühjahr. Aber das hat wahrlich nicht mehr reingepasst. Erst letzte Woche habe ich mehrmals gehört, dass Multitasking nicht unbedingt gesund und sinnvoll sein soll. Ich versuche daher auch hier zu reduzieren. Das Projekt war schön, aber Chance bin froh wieder hier zu sein. Und ich musste oft an dich denken in den beiden Monaten. Ich hab oft gedacht: “Ich bin keine Weltenbummlerin. Ich bin froh es gemacht zu haben. Aber für die kommenden 15 Jahre reichts. Vielleicht.”
      Jetzt hab ich genug mit diesem Haus zu tun. Da gäbs schon jede Menge zu erzählen… Und dann noch schwanger. Ich bin gerade durchaus gesättigt, was Projekte angeht. Obwohl da noch die zwei Bücher liegen. Ich krieg keinen Fuß in die Verlage…

      Danke für dein positives Feedback.

  2. Hallo Rage,

    über das Buch würde ich mich immer noch sehr freuen. Ja, bin eher eine Solistin. Zu Besuch bin ich aber gerne in einem Projekt und schau mir das alles an, wo meine Tochter mit Papa wohnt. Sie kommt gerade aus Berlin und hat nix gekauft. Obwohl sie Minimalismus ja so doof findet. :) Wohnmobil mit 3 Kindern oder zelten im Garten. Baumhaus. Ach, da ist so vieles möglich. Ich bin schon gespannt auf deine Berichte von Lehmputz, Quarkfarbe. Dielen verlegen. Ja, wie viel Zeit will man in die Medien investieren? Ich habe das auch gemerkt. Eigentlich wollte ich ja nur 5 Tage ausmisten und ein einfacheres Leben. Würde sich PDF denn auch anbieten für die Bücher?

    Liebe Grüße – Tanja

    1. Alles klar. Verpackt. Geht morgen los. Ja, pdf reicht auch. Aber ich finde gerade auch gar keine Ruhe, um mich um solche Dinge länger zu kümmern…

  3. Hallo Rage,
    war dir in den ersten Schwangerschaften denn nicht übel? Ich erinnere mich noch an das Hamburg-Treffen (von mir kam das Wasser, von A. die Seife).
    Ich finde es schön, dass du so offen und ehrlich schreibst. Mir gefällt dein Schreibstil und so sympathisch kommst du in echt (Hamburg) und im Fernsehen rüber. So ein Projekt muss ja auch nicht perfekt verlaufen. Dieses Gefühl keine Weltenbummlerin zu sein, kenne ich auch. Andere verreisen in der Elternzeit lange, für mich wäre das gar nichts.
    Ich bin gespannt auf deine kommende Berichte (und Hut ab vor dem Hausprojekt!). Wenn du in der Nähe wohnen würdest, würde ich dir gerne helfen.
    LG Nanne
    P.S.
    Es ist so schön, einen Mann zu haben, der den Minimalismus teilt!

    1. Oh das habe ich schon vermutet gehabt. Dir nochmal vielen, vielen Dank!! Das war sehr wunderbar mit dem Wasser. Und, ja. Mir ging es bislang immer übel zu Beginn. Ich habe allerdings auch gemerkt, je mehr auf mich einwirkt von außen, Ängste, Gedanken, Situationen, um so schlimmer war es. Jedes Mal.
      Das mit dem Hausprojekt… Du bist die zweite, die den Hut zieht. ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Inzwischen. Das ist alles so unwirklich. Aber dazu mehr an anderer Stelle. Danke fürs Lesen und auch für dein Bloggen. War schon ein paar mal inzwischen zu Besuch bei dir. Jedoch jedes Mal ohne Gelegenheit auch mal zu kommentieren. Bald aber. Wenn ich in der Blogosphäre wieder Fuß gefasst habe.

  4. Hallo Rage.
    Ich hab noch nie bei Dir kommentiert, aber ich hab Deine Beiträge in der Zeit Deiner Blogpause so sehr vermisst, dass ich Dich das doch wissen lassen mag. Euer Abenteuer klingt spannend und ich bin gespannt wie es weitergeht. Respekt auf jeden Fall für Euren Mut. Auch für den Kauf des Archivs ähh Hauses. Wow.
    Also, schön Dich wieder zu lesen. LG

    1. Vielen Danke, Doro! Mich machen solche FeedbackKommentare richtig rot! Und wortlos. Ich bin manchmal ganz froh, dass das Notebook dazwischen hängt. ;) Danke!
      :D Ha! Archiv! Das passt sowas von wie die Faust aufs Auge!!

  5. Hallo rage,
    Hut ab, weil ich kein Hauskaufmensch bin. Es sah auch ein wenig groß für meinen persönlichen Geschmack aus, das mag täuschen. Aber ich mag lieber wenig (Putz-)raum haben :o)
    Aber solche Projekte finde ich, hängen unglaublich stark damit zusammen, ob mal Lust zu den Sachen hat oder nicht. Ich liebe meinen Garten und freu mich schon auf die Gartenarbeit.
    Liebe, liebe Grüße (und ich freu mich auf mehr Berichte!)
    Nadine

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