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WWOOFen. Station Drei. (4) Ein anderes FamilienLeben mit gelebt

Wie anders das FamilienLeben anderer eigentlich aussieht erlebt man erst, wenn man mit den Differenzen konfrontiert wird oder in dieses “fremde” FamilienLeben einsteigt. Im Sommer haben wir das viel gemacht. Mehrmals sind wir in das FamilienLeben der anderen eingestiegen. Es war spannend die Unterschiede zu entdecken, aber auch Gemeinsamkeiten – und seien sie noch so klein – festzustellen.

Der Umgang mit diesen erlebten Unterschieden kann sehr verschieden aussehen.

a) Man sieht sich das an und hakt es unter: “Ok, muss ich so nicht machen.” ab.
b) Man distanziert sich davon sehr schnell, sehr resolut, aus welchen Gründen auch immer. Die Palette an Gründen ist groß und vielfältig. Außerdem stehen einige dieser Gründen nicht selten in Wechselwirkungen zueinander. (Wenn ich da an den Abbruch der einen WWOOFing-Station denke… Das FamilienLeben dort fand ich zwar aufregend, hatte aber neben diverser anderer Verhältnisse das Bedürfnis, mich genau deswegen zu distanzieren.)
c) Man erlebt und findet toll. Entweder werden bestimmte Dinge direkt komplett übernommen oder aber genauer in den Blick genommen, was davon man modifizieren und adaptieren möchte.
d) Man findet toll und ändert eigene Verhaltensweisen, weil man sie für fehlgeleitet hält, zugunsten des neu Entdeckten und Erlebten.

Wie sieht unser Leben aus? Wie das jeder anderer Familie auch. Das wäre meine spontane Antwort. Aber dann sitzt mir unser Freund gegenüber und sagt: “Nein, rage. Ihr seid nicht wie jeder andere.” Mal abgesehen davon, dass er ähnlich wie ich jedes Individuum und auch jede Familie als Unikat sieht, hält er plötzlich ein Plädoyer für unsere “minimalistische” Andersartigkeit. “Ihr geht Sachen ganz anders an, als das ein Großteil der “Anderen” machen würde. Ihr kauft als Familie ein uraltes Haus. Ihr übernehmt uralte Möbelstücke. Ihr werft nicht alles einfach nur weg. Ihr macht euch Gedanken darüber, was an eure Wände kommt. Gips oder Lehmputz? Tapete oder Farbe? So viele Gedanken macht sich nicht jeder. Du bleibst Zuhause. Er geht arbeiten. Ich macht vieles anders. Ich weiß das…” Ok, denke ich. Lasse ich das einfach mal so stehen. Irgendwas wird vielleicht dran sein.

Wie sieht unser Leben denn nun aus? Mal abgesehen von der Baustelle nebenan? Der Mann geht arbeiten und ich sitze Zuhause. (Wenn ich könnte, wäre an diese Stelle eine karikierte ComicFaust zu sehen.) Denn: Ich arbeite auch. Und das ganz schön hart. Ohne Geld dafür zu bekommen. Ich verhelfe unseren Kindern zur Selbständigkeit, mache mir Gedanken übers Fordern und Fördern, treffe dbzgl Entscheidungen, bereite ihnen regelmäßige Mahlzeiten zu und kümmere mich darum, dass sie wettertechnisch anständig gekleidet auf die Straße gehen. Ich vereinbare Termine mit Kindergarten, Schule, Kinderarzt, Therapeut und Freunden. Den Sportverein habe ich dabei auch immer auf der Liste, um meinen Kindern Bewegung zu ermöglichen, die neben dem Gekletter und Fahrradgefahre, strukturierter angeleitet werden. Ich begleite meine Kinder durch die Jahreszeiten, versuche unserer Familie einen Alltag zu bieten, der einen roten Faden hat, sich jedoch nicht in Terminflut verliert und genügend Raum für Freigeist, Kreativität, Bildung und Ehrenamt bietet. Abends lassen wir den Tag in der Regel gemeinsam ausklingen. Alle Mann. Es wird erzählt und eine Geschichte, wie der Hobbit oder Narnia findet im Schlafzimmer seinen Raum. Danach kommt die Baustelle oder die geliebte Zweisamkeit, um nicht vollends am Rad zu drehen. Unsere Situation aktuell… ja, die ist momentan einfach so. Vieles davon findet sich auch in unserem geordneten Alltag von vorher wieder.

Die Familie beim WWOOFen. In Schweden wird grundsätzlich auch unterschiedlich gelebt. Aber das FamilienLeben dort hat mehr Möglichkeiten, weil Kommune und Staat die Rahmenbedingungen anders gestalten. Ich will nicht beurteilen, ob besser oder schlechter. Aber in unserer Familie dort oben sind alle von morgens bis nachmittags um 17h beschäftigt. Die Frau geht einem VollzeitJob nach. Der Vater arbeitet als Selbständiger, wenngleich oft von Zuhause aus der eigenen Werkstatt und bringt die Kinder morgens in die Kindertagesstätte. Sie werden gegen 16:30h abgeholt und um 17h sind alle wieder miteinander vereint. Wenn der Mann gut vorangekommen ist, beginnt jetzt das FamilienLeben. Zeit zum Spielen, Zeit für Haushalt – sofern keine WWOOFer da sind, die diese Arbeiten tagsüber verrichtet haben – Zeit fürs Abendbrot und Zeit für einen “Keks” – eine Folge Fritz Fuchs. Wer weiterhin Löwenzahn schaut, weiß wovon ich schreibe.

Dieser bewusste Ausklang des FamilienLebens hat mir sehr, sehr gut gefallen. Daher haben wir zurück in Deutschland nochmal mehr Wert genau darauf gelegt. Gerade weil unsere Lebenssituation so neu war. Wir hatten vorher auch unsere Rituale, aber wir haben sie ausgebaut und genießen sie heute alle sehr.

Was ich schwierig finde und zunehmend kritischer sehe, ist diese Situation, in der wir als Frauen uns meist immer wieder finden. Dieses Spagat zwischen Job und Familie. In Schweden scheint das ganz einfach. Klar, da sind einige Rahmenbedingungen anders zusammengestellt. Doch fast täglich sehe ich mich mit der Auffassung konfrontiert, ich würde nicht arbeiten. Zuhause rumsitzen. Ich kriege kein Geld für meine Leistungen. Und beides stört mich wirklich sehr. Denn ich glaube, dass ich meinen Job gut mache. Besser noch als so manch anderer seinen BüroJob.

Auch in Bezug auf das Bindungsverhalten der Kinder ist mir das Konzept der Kindertagesstätte nicht so ganz geheuer. Ich will keine Lanze für oder gegen Kindertagesstätten brechen. Zumal viele Eltern es sich heute gar nicht leisten könnten, ihre Kinder bis zum 3. Lebensjahr bei sich zu halten und nicht (beide oder alleine) arbeiten zu gehen. Dennoch halte ich die ersten drei Lebensjahre für die Entwicklung von weiterem Urvertrauen zu einer selbständigen und selbstbewussten kleinen Persönlichkeit für immens wichtig. Wichtiger als die Förderung und Forderung motorischer Fähigkeiten, Sprachverständnis und geometrisches Formenverständnis. Das ist alles auch total wichtig. Doch diese Dinge kann ich Zuhause sehr gut ebenfalls umsetzen. Und die Mütter, die darin Schwierigkeiten haben sollten, könnten doch in diesen personalen und sozialen Kompetenzen für ihr Kind geschult werden. Wenn wir ein Gehalt bekämen, würde das als Fort- oder Weiterbildung laufen – was weiß ich. Aber von einer Erzieherin zu verlangen, dass sie für 3-5 Kinder in 8h an 5 Tagen die Woche eine Bezugsperson wird, in der sich das bilden kann, was sich in den drei Jahren Zuhause entwickelt… Ich bezweifle, dass sie das auffangen kann. (Aber das ist eindeutig meine persönliche Meinung, die sich die vergangenen Jahre herausgeschält hat.)

Vielleicht sagt ihr jetzt: Ach komm, rage. Unser FamilienLeben sieht genau so aus, wie von deiner WWOOFing-Familie. Da gibt’s keine oder kaum Unterschiede. Das wird dann so sein. Aber für mich, war das alles doch nochmal sehr ernüchternd.

Wie sieht euer FamilienLeben denn aus? Magst du’s mal beschreiben? Oder ist es dir zu intim und gehört nicht auf diesen Blog? Was denkst du?

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