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WWOOFen. Station Eins.

Sie: “Das ist hier nicht richtig.”
Er: “Doch. Da stand doch der Dorfname.”
Sie: “Aber hier ist doch nichts.”
Schweigen.
Er: “Ja, ich weiß.”
Schweigen.
Sie: “Da! Das ist es bestimmt.”
Er… fährt weiter.
Sie: “Hej! Warum…”
Er: “Woher willst du wissen, dass es da war. Da stand doch nichts.”
Sie: “Ich weiß es. Es sah danach aus.” genervtes Aufseufzen.
Er: “Ich fahr noch bis zur nächsten Kreuzung.”
Sie: “Mhm.” genervtes aus dem Fenster schauen.
Irgendwann als die Straße keine Wendemöglichkeit mehr bietet, wird er langsamer und fährt die letzten 200m rückwärts, um in einer kleinen Einbuchtung die Fahrtrichtung zu ändern.
Zögerlich fährt das Auto auf das Gelände. Das Fahrzeug in der Einfahrt hat ein deutsches Nummernschild. Die Hosts waren nach Schweden ausgewanderte Deutsche. Sie könnte tatsächlich recht gehabt haben.

Ich hatte recht. 5 Minuten später öffneten uns unsere Hosts die Tür und zwei Familien standen sich etwas unschlüssig und unsicher, fast schon betreten gegenüber.

Die Autofahrt war lange, mein Mann etwas aufgeregt aufgrund der ersten WWOOFingStation und mein Bauchgefühl ließ mich zögern. Ich wusste nicht so ganz woran wir bei den beiden waren. Sie begrüßte uns und auch er hieß uns freundlich, aber zurückhaltend, willkommen.

Im weiteren Verlauf unserer Zeit dort kam ein bisschen heraus, woran diese anfängliche Vorsicht auf beiden Seiten rührte: Wir wussten beide nicht, was wir erwarten sollten. Unsere Hosts hatten ein kleines Kind und den Kontakt und Emailverkehr hatte ich nur mit ihr geführt. Sie wusste, dass wir schwanger waren und auch, dass wir mit zwei kleinen Kindern anreisen würden. Dennoch schien sie gespannt und neugierig, wie die anstehende Woche wohl werden würde. Er wusste ebenfalls von unserem Status, wenngleich er der Sache nicht ganz so positiv, eher skeptisch gegenüber zu stehen schien.

Auf so einem SelbstversorgerHof gibt es schließlich viele Geräte, Pflanzen und vor allem junge Obstbäume, die kaputt gehen bzw. von kleinen Kinderhänden schnell zerstört werden konnten. Dinge, für die unsere beiden Hosts lange gearbeitet hatten und an denen verständlicherweise ihr Herz hing.

Mich hemmte diese sich nachher bestätigende Vermutung für den Grund der Zurückhaltung und löste zeitgleich den Wunsch aus, eben nicht die “HorrorFamilie” abzugeben, sondern den beiden in den kommenden 5-6 Tagen eine Hilfe zu sein. Auf gar keinen Fall durfte irgendetwas kaputt gehen. Meinem Mann ging es ähnlich. Diese erste Woche führte uns vor Augen, wie anstrengend das WWOOFen als Familie sein konnte.

Meine Betonung liegt dabei auf “als Familie”. Ich hatte unterschätzt, wie schwierig es sein konnte, die beiden kurzen Kerle “bei der Stange zu halten”. Erdbeeren pflücken? Klar, gerne!! Für 3 Minuten. Keinesfalls länger. Unkraut jäten? Klar. Immer. Im Rausreißen von Pflanzen, Blumen, Abreißen von Blättern und Zweigen sind meine Kinder ganz große klasse. Aber gewolltes Entfernen? 2 Minuten. Inklusive ZucchiniBlatt. Aber schließlich sind sie ja auch noch klein. Noch nicht einmal Schulkinder. Zwei wilde Jungs, denen nach Entdecken, Dinosauriern und Abenteuern ist und war!

Die Herausforderung bestand darin, irgendwie eine Balance zu finden und am Ende der Woche hatte ich das Gefühl, es geschafft zu haben. Von beiden Seiten war es uns gelungen aufeinander zuzugehen und einzugehen. Das war sehr wertvoll. Zumal wir festgestellt haben, an vielen Stellen auf einer ähnlichen “Welle” zu liegen. Sei es bzgl. des europäischen und globalen Wirtschaftswesens, des Vegetarismus oder des reduzierten bzw. bewussten Lebens.

Unsere Aufgaben bestanden darin:
Erdbeeren zu pflücken.
Marmelade einzukochen.
Johanniskraut zu sammeln und zum Trocknen aufzuhängen.
Schafen den Stall fertig zu machen.

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Eine CarPortEinfahrt aus all den herumliegenden …

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großen Steinen zu bauen.

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Holz aus dem Wald zum Zerkleinern heranzuschaffen.

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Gewächshaus und Küchengarten vom Unkraut zu befreien.

Getrocknete Pflanzen wie Pfefferminze, Oregano und Scharfgarbe zu Tee und Gewürz zu zerkleinern.

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Abends die Küche für den kommenden Tag wieder herzurichten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Hof ist sehr liebevoll hergerichtet. Mit zwei Stugor bestand genügend Platz mehrere WWOOFer zur selben Zeit einzuplanen. Draußen gab es eine FreiDusche. Das Wasser wurde im Haus mittels Gießkanne vorbereitet. Mit einem Wasserkocher ließ sich das Wasser entsprechend warm-heiß mischen. Durch Aufhängen der Gießkanne wurde geduscht. Uns war das Duschen zu freizügig, zumal sie direkt vor dem Wohnhaus liegt und trotz Weidenzäunen genügend Blicke durchlassen konnte. Also ging’s fast tgl. an den See. Zum Glück hielt die SchönWetterFront noch immer mit ihren 25-30°C an.

IMG_0790Die Toilette war ein Plumpsklo. In unserer gesamten Zeit des WWOOFens gab es auf den SelbstversorgerHöfen eigentlich nur PlumpsKlos. Und ich muss sagen, dass ich sie nicht so furchtbar fand, wie die StehToiletten auf französischen CampingPlätzen.

Wir haben uns viel auf dieser ersten Station unterhalten. Über Permakultur, Selbstversorgung in Teilen und nicht zu 100% oder auch die Themen windelfrei und Schwangerschaften im europäischen Ausland.

Meine Schlussfolgerungen zu diesen Themen nach unserem Abenteuer:
* Ich muss mich bzgl. Permakultur schlau machen.
* Selbstversorgung in Teilen finde ich persönlich sinniger. Sie ist gesellschaftsfähiger, sogar gemeinschaftsfördernder als alles aus eigener Hand herstellen zu wollen.
* Kein anderes europäisches Land scheint so einen ausgeprägten SchwangerschaftsVorsorgeApparat zu haben, wie Deutschland.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAIch war froh, als diese erste Woche rum war. Wir hatten nichts zerstört, wir hatten ein wenig Hilfe sein können und trotz anfänglicher Anlaufschwierigkeiten eine gute Zeit zusammen gehabt. Zumindest von unserer Seite aus. Das Essen vermisse ich heute noch ein wenig. Das war richtig gut und ich habe erstmals Frauenmantel und Giersch verzehrt. Seitdem habe ich jede Wiese in Skandinavien und Deutschland nach entsprechenden Wildpflanzen abgesucht und beides auch schon entdeckt. Sogar die Jungs haben sich das Äußere dieser Blätter eingeprägt. Buchweizen erkannte ich nun auch. Vor allem roch ich ihn schon von weitem. Aber danach, freute ich mich erstmals auf den Urlaub. Wir waren in dieser Woche weiterhin innerlich runtergefahren. Aber der Druck, den wir uns gemacht haben, dass unsere Kinder bloß nichts kaputt machten, wie z.B. die eine Kirsche, die am jungen Kirschbaum hing, war nicht zu unterschätzen. Wir freuten uns auf den Urlaub im Süden Schwedens am Meer.

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