bewusst:er leben
Kommentare 3

Auf Wiedersehen 2015.

IMG_0735_2Noch ein paar Stunden und das ganze Jahr beginnt nochmal von vorne. Und täglich grüßt das Murmeltier. Alle Welt ist mit der Vorbereitung der SilvesterParty beschäftigt. Es werden gute Vorsätze gefasst, man grübelt übers Jahresmotto und so weiter nach und wirft einen Blick zurück.

Für mich fühlt sich das dieses Jahr sehr seltsam an. Denn:

a) Wir hatten ein aufregendes und gutes Jahr. Ich bin sehr dankbar und schaue auf viele wunderbare Stunden mit meiner Familie zurück.

b) Jetzt in diesem Moment befinden sich Menschen im Krankenhaus. Frauen mit einer Krebsdiagnose, alte Menschen mit Oberschenkelbruch oder anstehender neuer Hüfte. In diesem Moment befinden sich Menschen fernab von ihren Familien. Mütter, Väter und Kinder sind voneinander getrennt. Räumlich. Kontakte sind abgebrochen und die Herzen dieser Menschen gequält von Ungewissheit und Sorge.

Und ich? Ich denke darüber nach, wie das Motto des nächsten Jahres für mich und uns ausschauen könnte.

Dabei fühle ich mich manchmal ganz furchtbar. In mir zerreißt etwas, wenn ich erlebe und mir vorstelle, wie es vielen anderen Menschen gehen muss; die erschöpft und mit wenig guten Erinnerungen in dieses neue Jahr einsteigen. Wird die Chemo gewinnen? Werde ich gewinnen? Was ist mit meiner Mutter passiert? Wieso kann ich sie nicht erreichen? Warum nur kann mein Vater sich nicht entschuldigen? Wie werde ich wieder gesund und finde Freude am Leben?
Ich finde allein diese Vorstellungen und Gedanken erdrückend und verzweifelnd. Wie viel schlimmer muss das Erleben dann erst sein?!

Dieser Spagat fällt mir schwer. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich nicht so recht. Vorerst beschließe ich folgendes:

Mein Jahr war gut. Es war voll. Ich habe viel gelernt. Praktisch auf der Baustelle oder auch im Leben mit (in der Erziehung) meinen Kindern. Ich musste mich trennen: Von Liebgewonnenem, Freundschaften, Beziehungen. Zumindest zeitweise. Wie es an diesen Baustellen weitergeht, das weiß ich nicht. Wir sind jetzt zu fünft hier unten auf der Erde, zu sechst mit dir, kleines Sternenkind. Ich habe neue Freunde dazugewonnen und gelernt, das in all dem, es so unglaublich wichtig ist, freundlich mit mir zu sein. Ja, mir ging es gut. Ja, vielen anderen, nebenan in der neuen Nachbarschaft nicht. Das ist so. Doch:

  1. Ich bin dankbar für das Gute.
  2. Ich nehme die Schicksale der anderen ernst und nicht nur hin.
  3. Wie kann ich ein bisschen von meinem Glück abgeben?

Das sind meine Thesen. Damit kann ich arbeiten, ich meine leben.

Und zu meinem Motto 2015: Es ging um „Heimat finden“ und „Familie sein“. Das war – ähnlich dem vorletzten Motto „Wie es vor die Füße fällt“ ein sehr passendes. In vielen Dingen haben wir als Familie Heimat gefunden.

Durch unseren Familienzuwachs haben wir eine Runde „RingelRingelReihe“ gespielt und nach etwa sechs Monaten unsere „Sitzordnung“ am Familientisch wiedergefunden. Eine gute, wenngleich wir noch die Feinheiten abstimmen müssen.

Wir sind in ein neues Zuhause eingezogen und haben nach langer Zeit endlich wieder so etwas wie ein Zuhause entdeckt. Mit Kinderzimmer, dem eigenen Mobiliar und und und. Seit Sommer 2014 waren wir unterwegs und Anfang des Jahres konnten wir endlich einziehen. Es gibt noch einiges zu richten. Doch als Familie sind wir heimisch geworden.

Und nicht nur das. Auch im Dorf sind wir angekommen. Zumindest hat es sich diese zweite Jahreshälfte so angefühlt und ich bin sehr dankbar dafür. Freunde in der Kirchengemeinde dazugewonnen und einen Ort entdeckt, indem wir mit offenen Armen empfangen werden. Das hat dieses Jahr sehr, sehr gut getan.

Seit Sommer habe ich viel über meine Flüchtlingshilfe nachgedacht. Seit Anfang Dezember ist sie endlich konkret. Ich helfe Jugendlichen dabei einen Zugang zu unserer schweren, ganz anderen Logik von Sprache zu finden. Und ich erhoffe mir, dass ich mithelfen kann, diese Barriere in Sachen Integration aus dem Weg zu schaffen, auf dass sie eine Heimat finden. Zumindest übergangsweise. Denn wirklich gerne sind nicht alle von ihnen hier.

Heimat finden hat sich durch das Jahr gezogen. Wir sind die Sachen angegangen, wie sie uns vor die Füße gefallen sind (ähnlich wie 2014). Doch das Thema Heimat war 2015 immer und immer wieder präsent.

_MG_1509Danke für diese Zeit! Danke für das Gelernte und Erlebte. Danke für das DabeiSein. Danke fürs zu fünft sein!

3 Kommentare

  1. Pingback: 4 Dinge, die ich 2015 über Veränderung gelernt habe (Jahresrückblick) | Apfelmädchen & sadfsh

  2. Liebe rage,

    hab ich dir eigentlich schon mal gesagt, wie wunderbar ich dein Engagement in der Flüchtlingshilfe finde? Wenn nicht, dann ist vielleicht jetzt der richtige Zeitpunkt. Du machst das super! Sprache ist so ein wichtiger Schritt zu Selbstbestimmung, Teilhabe und Integration, gerade auch, weil viele Menschen hier nur sehr eingeschränkt Englisch sprechen. Ansonsten kann ich dir aus Erfahrung sagen, dass Ankommen Zeit braucht. Auch wenn man sich an manchen Tagen wünscht, den Prozess beschleunigen zu können.

    Ich wünsche dir (und deiner Familie) einen guten Rutsch und einen sanften Start in das neue Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.