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Selbstfürsorge als Frau und Mutter. Bewusst(er)leben

Selbstfürsorge und Attachment Parenting 01

Ein Artikel in der Zeit, den Caroline Rosales dort vor zwei Tagen verfasst hat, sorgt aktuell für viel Gegenwind, Diskussion und auch, was ich am wertvollsten finde, zur Positionierung von Elternbloggern zu den großen Themen Selbstfürsorge und Attachment Parenting (AP). Ich wollte euch den Text nicht verlinken, weil ich ihn schwierig, polarisierend, ungerecht (!) und unvollständig finde. Da ihr ansonsten aber meinen Bezug zu den Beispielen der Autorin nicht nachvollziehen könnt, hier der Link.

Attachment Parenting und Selbstfürsorge

Was ist das überhaupt? Selbstfürsorge?  AP? Was bedeuten diese Wörter für Mütter und Väter? Was bedeuten sie für mich? Was bedeuten sie für die Kolumnistin?

Attachment Parenting

AP ist die viel verwandte Abkürzung von Attachment Parenting. Der Begriff stammt aus dem Englischen, wurde von William Sears geprägt und meint die bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft. Viel mehr an objektiven Infos kann ich euch zu diesem Begriff schon gar nicht mehr geben.
Denn: Ich habe dazu keine Literatur gelesen. (Aufgrund der Tatsache, dass sich die von mir gelesenen Erziehungsratgeber an einer Hand, an zwei Fingern ablesen lassen, nicht verwunderlich.)

APler oder Nicht-APler

Aber: Ich kenne viele Menschen in meinen sozialen Netzwerken, im realen Leben und als Blogger, die sich intensiv mit AP auseinandersetzen. Ich schätze diese Menschen sehr, weil sie sich in der Regel alle, viele Gedanken darüber machen, was Erziehung und Beziehung für sie und ihre Kinder bedeuten. Das tun nicht nur die „APler“, sondern auch solche Menschen, wie ich, die viel über Bindung, Beziehung und Bedürfnisse der verschiedenen Familienmitglieder nachdenken ohne Attachment Parenting im Blog stehen zu haben. Wir machen uns darüber Gedanken, wie bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft aussehen kann. Natürlich stellen sich dann Fragen, was davon ist jetzt AP? Mit wieviel umgesetztem AP habe ich das Recht den Begriff zu verwenden? Will ich das überhaupt?

Denn ehrlich, obwohl ich viele der Inhalte als Attachment Parenting gut, richtig und wichtig finde, manches habe ich ohne diese Begrifflichkeit für mich herausgefunden. Manches funktioniert bei uns, manches nicht und wieder andere AP-Inhalte sind in meinen Augen nicht das NonPlusUltra. Müssen sie auch nicht. Denn Elternschaft auf mich und das Kind ausgerichtet, ist sehr individuell. Das hab ich gelernt. Und dennoch haben meine Kids und ich eine starke Bindung und Beziehung zueinander.

Der Nutzen von Schubladen

Einerseits brauchen wir Begrifflichkeiten, um unsere Welt irgendwie verstehen zu können und überschaubar zu halten. Und klar, damit landen wir dann in bestimmten Schubladen. Das hat eine Menge Vorteile, aber auch Nachteile, was insbesondere die aktuelle Diskussion auch zeigt. Jessi von terrorpüppi hat das ganz wunderbar in ihrem Blogbeitrag zur Attachment-Parenting-Falle beschrieben.

Woran kann man AP denn nun ablesen? An verwöhnten Kindern? An fehlenden Impfungen? An Tragetuch tragen statt Kinderwagen schieben? Mit diesen Pauschalisierungen kommt der Artikel in der Zeit daher. Ich frage mich, geht es nur darum eine Diskussion unter uns Eltern zu starten? Soll er von was anderem ablenken? Oder der Traffic für die Kolumne erhöht werden? Oder meint die Autorin das wirklich ernst? Denn dann muss ich sagen: Unabhängig von bindungs- und bedürfnisorientierter Elternschaft wurde das Besondere an dieser Art von Elternschaft, ergänzt um die Beziehungsorientierung, nicht verstanden und erkannt. Mir scheint die Vorstellung der Autorin von dieser Form der Elternschaft ein Konglomerat dogmatischer Glaubenssätze zu sein, das jeglicher systemischen Sichtweise vieler verschiedener Aspekte entbehrt.

Denn letztlich läuft ihr Artikel doch darauf hinaus, dass wir uns selbst aufgeben,

  • nn wir Bindung und Bedürfnisse ernst nehmen,
  • wenn wir in Beziehung mit unseren Kindern treten,
  • wenn wir es nicht schaffen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf qualitativ umzusetzen. Wir sind selber schuld, weil wir uns das falsche Elternschaftsmodell ausgesucht haben, weil sie darin außer Acht gelassen hat, für sich selbst zu sorgen und Selbstfürsorge umzusetzen. Richtig?!?

Wir sind selber schuld, wenn wir müde und erschöpft sind, denn wir haben uns das falsche Elternschaftsmodell ausgesucht. Weil sie darin außer Acht gelassen hat, für sich selbst zu sorgen, Selbstfürsorge umzusetzen und auch erschöpft war. Richtig?!?

Elternschaft ist anstrengend

Ich habe selber schon oft an dem Punkt gestanden, an dem ich gemerkt habe: Ich kann nicht mehr. Ich brauche Hilfe. Ich muss mir meinen Frust von der Seele schreiben.
Das hatte was mit falschen Erwartungen an mich zu tun, mit den Bedingungen, unter denen ich als Frau und Mutter meine Elternschaft lebe. Damit, was Gesellschaft, Politik und Wirtschaft von mir, meinem Mann und meinen Kindern fordert. Sich selber dabei zu vergessen, kann passieren, hängt aber nicht davon ab, ob ich mit meinen Kindern in guter Beziehung leben möchte, Dinge hinterfrage und nach dem für uns stimmigsten Weg suche.

Heute wie damals, habe ich ganz individuelle Lösungen für mich und meine Familie gesucht, um meinem „Job als Mutter“ gerecht zu werden.

  • einfacher leben – losgelöst von Besitz und zu viele Termine
  • mehr Zeit – für mich, als Paar, als Familie
  • mehr Freundlichkeit – mit mir, mit meinen Kindern (Dinge dürfen schief laufen und dann wird neu ausprobiert. So läuft das hier bei uns.)

Und trotzdem gibt es weiterhin Punkte, die sind anstrengend und die kann ich per se nicht alleine lösen. Dafür brauche ich die anderen. Die anderen Eltern, politischen Entscheidungsträger und sozialen Netzwerke. 

Selbstfürsorge

Was bedeutet das konkret? Für mich bedeutet das, dass ich selber gut zu mir, wie schon oben erwähnt. Denn erst dann, wenn ich gut mit mir selber umgehe, dann gehe ich auch mit meinen Kindern fürsorglich um. Dann bin ich überhaupt erst dazu in der Lage ihre Bedürfnisse wahr- und auch ernstzunehmen.

Gesellschaftliche Umstände

Ich gebe zu, viele gesellschaftspolitische Bedingungen sind furchtbar kontraproduktiv. Christine Finke ist eine starke Frau, die als Alleinerziehende viel auf ihre Situation versucht aufmerksam zu machen. Daher schätze ich sie sehr. Ich würde sie gerne fragen, wie das mit ihrer Elternschaft aussieht. Wie sie das so umsetzt? Ob sie die Selbstfürsorge wegen einer „falsch gewählten“ Elternschaft bei Müttern „flöten gehen“ sieht? Oder ob, wenn überhaupt, nicht ganz andere Gründe zu nennen sind, die dazu beitragen, dass ich als Mutter – ob mit oder ohne Job – an meine körperlichen, psychischen und seelischen Grenzen komme?

Das wirklich Doofe:

Eltern, die am Rande der Erschöpfung unterwegs sind, die auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung, nach Solidarität sind, denen ganz oft (auch) im wahren Leben nicht geholfen ist, kommt so ein Artikel so gar nicht zur Hilfe. Er vertieft den Graben des Unverständnisses noch ein bisschen mehr, statt gemeinsam, mit viel Kraft und Aufsehen aufzutreten und politische Veränderungen zu schaffen. Sonja von Mama notes hat diese Anteile der Thematik ganz toll beschrieben und es wird deutlich, von wie großer gesellschaftspolitischer Relevanz die Erschöpfung von Müttern ist. Denn ja, die Autorin hat ja Recht: Viele Mütter stehen an diesem Abgrund in die Erschöpfung. Viele Eltern sind damit konfrontiert Vereinbarkeit von Familie und Beruf umzusetzen. Und ja, es stellt sich die Frage von Sonja, wo sind die Partner? Nicht jede hat so ein großes Glück, wie zum Beispiel ich, bei der es gar keine Diskussion darüber gibt, dass ich nicht nur arbeite, sondern auch die Beziehung und Versorgung meiner Kinder mit meinem Mann teile. Die von Rosales aufgeführten Schlussfolgerungen haben doch nichts mit bindungsorientierter Elternschaft zu tun. Vielleicht mit falsch verstandener bindungsorientierter Elternschaft. Das könnte ich noch gelten lassen. Aber immer noch: Doch nicht nur.

Selbstfürsorge und Attachment Parenting um 10 nach 8

„Attachment parenting“, die bedürfnisgerechte Erziehung, soll angeblich das Beste für unsere Kinder sein. Doch mich macht die ständige Rücksichtnahme fertig. 

Der Text von Rosales ist einerseits sehr… polemisch, pauschalisierend und verursacht in mir das Bedürfnis, die Augen rollen zu lassen. Andererseits finde ich die daraus resultierenden Reaktionen vieler Mütter und Väter hilfreich, wertvoll und gesellschaftspolitisch dringlich und nötig! Denn sie räumen auf und zeigen, dass es anders geht. Dass das eine mit dem anderen nicht unbedingt, nicht wirklich etwas zu tun hat. Ich bin so vielen Frauen wirklich dankbar, dass sie dazu geschrieben haben, wie zum Beispiel Andrea, die in ihrem Artikel dazu aufräumt mit ätzenden Klischees. Oder Frida, deren Definition von Elternschaft ich am liebsten gleich mehrmals unterschreiben würde.

Denn letztendlich, davon bin ich weiterhin überzeugt, liegen Gesellschaft und Politik in unseren Händen.

Wir. gestalten. mit.

wie. wir. leben. wollen.

Wider der landläufigen Meinung: „Wir könnten ja eh nichts daran ändern.“ Stimmt nicht. Gibt’s nicht. Daher hier ein großer Dank an Menschen, die sich positioniert haben und Zeit und Energie nutzen, wiederholte Pauschalisierungen zu enttarnen, ins Detail zu gehen und ambivalent erscheinende Bedürfnisse auch mal stehen zu lassen, weil sie einer individuellen Lösung bedürfen. Dadurch bekommen Mütter und Väter Mut, sich ihrer Erschöpfung zu stellen, nach Selbstfürsorge zu suchen und wieder miteinander in den Austausch zu treten. Daran glaube ich.

Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die ihrer Erschöpfung Ausdruck verleihen, wie zum Beispiel auch Manuel oder Menschen, die in viel Liebe und mit behutsam gewählten Worten, Elternschaft umschreiben, wie Susanne.

In diesem Artikel fehlen noch viele, viele Menschen, von denen ich weiß, dass sie mit viel Herz und Verstand ihre Elternschaft umsetzen, nicht wahr Julia und Susanne to be continued.

So, und was denkt ihr?

Was ist euch in eurer Elternschaft wichtig? Wie sieht Selbstfürsorge für euch aus? Wie setzt ihr sie um? Schreibt mal. Kommentiert.

Und wenn ihr den Artikel gelesen habt, versteht ihr, warum er mir so aufstößt?

6 Kommentare

  1. Also, ich war so. Ich konnte nicht anders. Bin zu einfühlsam. Es hat sich gelohnt. Sehe ich ja am Ergebnis. Das werden tolle Jugendliche!!! Und wie sie heute mit Kindern umgeht, einfach zauberhaft!

    • Ich bleib da auch dran. Ich vertraue fest darauf, dass es sich lohnt, zu hinterfragen und nach dem individuell passenden Weg zu suchen.

  2. Liebe Rachel,

    das mit der Selbstfürsorge war für mich jahrelang sehr schwierig, eigentlich unmöglich. Denn ich war ja wirklich ganz alleine mit allem, das jüngste Kind noch unter 1 Jahr alt, der Sohn 2, die Große gerade 9, als ich mich trennte. Und dann noch einen Rosenkrieg mit Geldsorgen führen, der Umzug in den sozialen Wohnungsbau, der Jobverlust 2 Jahre nach der Trennung – ich hatte fast keine Zeit, durchzuatmen.

    Ich wäre so gerne regelmäßig schwimmen gegangen oder einfach einen Tag verreist, aber das war nicht drin. Und von daher ist es leicht, theoretisch zu wissen, dass es einem selbst gut gehen muss, wenn frau eine entspannte Mutter sein möchte, AP hin oder her – die Bedürfnissse der Kinder sind einfach dringender und unmittelbarer zu befriedigen als die eigenen, die Wahlfreiheit ist eingeschränkt. Erst jetzt, wo ich 7,5 Jahre getrennt bin und sie älter werden, kann ich wieder an mich denken.

    Dass das nicht optimal ist, weder für mich noch für die Kinder, die eine gestresste, oft unzufriedene und sich manchmal weit weg wünschende Mutter hatten, liegt auf der Hand. Aber es war nicht zu ändern.

    Viele Alleinerziehende kommen täglich an ihre Grenzen. Denn sie machen eigentlich 2 Jobs: den Ernährer und die Mutter, und wenn der Vater ganz ausfällt, so wie bei uns, dann bleibt manchmal überhaupt kein Raum für Selbstfürsorge. Es ist ein systembedingtes Problem, dass es a) dazu kommt und b) diejenigen, die sich entziehen, damit einfach durchkommen, und dass c) kaum niederschwellige Hilfe für Alleinerziehende da ist. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, Kinder alleine aufzuziehen und auch nicht dazu, alleine zu sein. Leider werden Alleinerziehende immer noch ausgegrenzt und haben auch oft weder Geld für einen Kindersitter noch Verwandtschaft, die hilft. Das ist dann halt hart. So wie es bei mir war.

    Viele Grüße, Christine

  3. Nochmal ich. AP fand ich sehr sehr anstrengend. Die Autorin verwechselt AP im Artikel mit Helikopter. Mir gefällt das Englisch nicht. Für mich war gerade das Alleinleben mit Kind die beste Wohnform, das Erholsame. Ich bin gerne allein und weil ich die halbe Woche kindfrei war, da es dann beim Vater lebte. Da konnte ich mich von AP erholen. Ich wollte schon als Paar nicht als Familie zusammen mit Kind leben. Habe es leider nicht durchgesetzt. AP ist zum Teil auch überzogen und passt nicht zu den eigenen Grenzen und zum Kind. Mein Kind wollte z. B. nicht so viel getragen werden. Kinder wollen auch mal ihre Ruhe vor ihren Eltern. Und umgekehrt! Die eigenen Bedürfnisse zu beachten ist sehr wichtig. Sonst brennt man aus! Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufwachsen zu lassen. Wir hatten es zum Glück. Durch die vielen WG’s. Mütter insgesamt sind sehr unsicher. Die Konkurrenz untereinander ist enorm. Wie kommt das? Ich orientiere mich lieber an den Vätern. Sind lockerer. Ich rede von denen, die sich kümmern 18 Jahre lang und darüber hinaus. Mamablogs und Ratgeber meide ich. Gab es zum Glück zu meiner Zeit nicht. Höre lieber auf meine innere Stimme.

  4. Ulschka sagt

    Habe gerade den Artikel gelesen und gedacht: sie ist doch nicht alleinerziehend. Wo ist ihr Mann wenn sie krank ist, nachts etc. Es heißt PARENTING! Ich war die ersten drei Lebensjahre alleinerziehend. Als dann mein Mann in die Familie kam wurde er nach und nach in alles eingebunden. Und das hat mich enorm entlastet, weil ich endlich auch Zeiten für mich allein in Anspruch nehmen konnte – so wie er ja auch.

  5. Sibylle sagt

    Vorab – ich bin selbst unfreiwillig kinderlos. Das vielleicht zur Relativierung.

    Die Autorin kritisiert weder, dass Eltern zuhause bleiben, noch, dass sie mit ihnen in einem Bett schlafen, noch sonst was. Sie bezieht sich ausdrücklich auf sich selbst, auf die Tatsache, dass sie all das getan hat, OHNE ES ZU WOLLEN, weil sie selbst aus einem Gefühl des Zwanges durch Umgebung und Gesellschaft dachte, das muss so.

    Ich habe die Elternschaft eines jungen Paares mitbekommen, da durfte in den ersten 14 Tagen niemand außer den Eltern das kerngesunde Baby händeln, wegen der Bindung.
    Selbstgewählter Irrsinn – und die Isolation, die die Autorin erwähnt, entstammte doch tw dem Plan, alles für’s Kind zu tun und nichts für sich selbst. Warum eigentlich? Tut dem Baby/Kleinkind eine unglückliche 24-Std für es da-Mutter besser als eine glückliche 16-Std-für-es-da-Mutter?
    Wie gesagt, in dem Artikel geht es nur um Mütter, die sich das aussuchen!
    Sicher ist eine glückliche 24-Std-Mutter (erstmal) das beste für’s Kind, wenn man das bieten kann. Viele können das nicht.

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