AlltagsAbenteuer, res publica
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Deutschunterricht für geflüchtete Jugendliche

Diese Woche war es also endlich soweit. Das erste Mal, dass ich mich in einem Kontext wieder fand, um Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln. Als Ehrenamtliche. Als Frau. Als Mensch, dessen Alltag schon recht voll ist.

Alltag versus noch ein weiterer Termin

Ich schreibe das, weil ich so ehrlich sein möchte, dass ich auf der Fahrt zum Treffpunkt wirklich stark mit mir gehadert habe. Noch am Vormittag hatte ich im Netz von einer Bloggerkollegin gelesen, die wirklich auf dem Zahnfleisch kriecht. Die das Gefühl hat all ihren vermeintlichen Verpflichtungen, ihren Kindern, sich selber einfach nicht mehr gerecht zu werden. Unter Druck gesetzt von vielen SuperMOMs, die sich oft gar nicht als solche darstellen wollen und auch nicht als Superheldinnen fühlen, aber die scheinbar allerschönste und perfekteste Weihnachtszeit erleben. Ich muss sagen, ich kenne das.

Auf der Fahrt zu meiner ersten Deutschstunde fühlte ich mich also unvorbereitet, war gerade aus dem Bett meiner Kinder gekrabbelt, die eben nicht per Lichtschalterdruck schlafen, und hatte meinen Mann heute noch nicht wirklich gesehen. Geschweige denn bewusste Konversation geführt. Alles in mir rebellierte gegen diesen Termin.
Hinzu kam die Angst vor diesen anderen Menschen. Junge Menschen, die ich nicht kannte, noch nie zuvor gesehen hatte und von denen ich noch nicht einmal annähernd wusste, wie die vergangenen Wochen und Monate ihres Lebens ausgeschaut haben. Ich wusste nicht, welche traumatischen Erfahrungen sie in den vergangenen Lebensmonaten gemacht haben. Auch nicht, wie ihr Rollenverständnis von Mann und Frau aussieht. Und mal ehrlich: Diese Dinge weiß ich auch jetzt noch nicht. Ich wage auch zu bezweifeln, je zu erfahren, wie es in diesen Jugendlichen ausschaut.

Auf der Autofahrt

Nichtsdestotrotz saß ich in diesem Auto und redete mit mir selber:

“Probier es aus! Danach kannst du mit Ralf sprechen, ob das funktioniert oder nicht.”

Ich weiß, dass das nicht gehen kann. Rein logistisch ist das ein echter Balanceakt. Ich will mich von meinen Kindern nicht davonstehlen…

“Du probierst es einfach aus!”

Vermutlich bin ich sowieso total ungeeignet für sowas wie unterrichten.

“Du wolltest schon seit der 2.Klasse Lehrerin werden und hast dich erst in der 10. umentschlossen Soziale Arbeit zu studieren. Das ist deine Chance!”

Aber wenn einer mit einem Messer auf mich los…

“Stop! Du fährst da jetzt hin. Und danach sagst du Ralf, dass das die nächsten drei Monate erstmal nicht geht.”

Ok. Ein guter Plan. Das wird sonst alles zu viel…

Unsere erste Begegnung

Da saß ich nun mit zwei Jugendlichen, die mich nicht verstanden, und ich sie leider auch nicht. (Ich muss unbedingt auch ihre Sprache lernen!) Was ich dabei hatte? Ein UNO-Kartenspiel und ein Berufe-Memory, das ich bei meinem Sohn ausgeliehen hatte.

Wir stellten uns vor. Wir spielten eine Runde UNO und schauten uns dann gemeinsam die verschiedenen Berufe an. Polizei, Schäfer und Maler kamen irgendwie besonders gut an.

Unsere Kommunikation verlief natürlich in erster Linie über Hände und Füße. Einiges hatten sie in den letzten vier Wochen schon gelernt. Das “No problem.” der Jungs war das “Ok. Alles klar.” deutscher Schüler.

Erfolge

Klar! Jede Menge, wie ich finde und für diesen einen Abend nicht erwartet hätte.

  1. Ich konnte einen Großteil meiner Begegnungsangst, Sorgen und Vorstellungskraft ablegen.
  2. Wir sind uns begegnet und ich glaube, das könnte eine wirklich gute DeutschKurszeit werden. Ich war danach total motiviert und hibbelig, habe meinem Mann die Ohren vollgebabbelt. Das zu wenig von vorher, habe ich auf jeden Fall wieder wett gemacht.
  3. Wir konnten soweit kommunizieren, dass klar ist, was die kommenden Wochen ansteht. Die Jungs lernen deutsch, ich lerne Farsi – wenn ich das richtig sehe. Ein Wort kenn ich auch schon. Vom Schreiben bin ich noch weit entfernt, da haben mir die Jungs einiges voraus.
  4. Flüchtingshilfe wurde nach diesem Abend endlich auch für mich und tatsächlich auch für meine Kerle konkret. Doch dazu ein anderes mal mehr.
  5. Total egoistisch, ich weiß: Aber ich gehe total in meinen darstellenden, kreativen Fähigkeiten auf. Darf Unterrichten, darf “Theaterspielen”. Danke Jungs!

Auf zu neuen Ufern. Guten Ufern. Das wünsch ich den Jugendlichen und Menschen, die hier einen Zufluchtsort suchen.

To be continued.

5 Kommentare

  1. maybee sagt

    Gute Sache, die du da machst! Und noch besser, wenn das auch jenseits des gut seins erfüllend ist.

    Weiter einen guten Weg in der Sache!

  2. wow, wirklich grossartig, dass du das in deinem vollgestopften Alltag auch noch hinkriegst!!!
    Diese Scheu kenne ich sehr gut, ich habe Beruflich hin und wieder mit geflüchteten Menschen zu tun und ich muss mich in dieser Kommunikationslosigkeit (auf beiden Seiten selbstverständlich) auch noch auf bürokratische regeln und anweisungen besinnen. Meistens lachen wir dann gemeinsam und ich schliesse schulterzuckend mit den Worten “wir lernen alle was neues”

  3. Ich hab gar keine Termine in meiner Freizeit. Höchstens einen am Tag wenn unvermeidbar. Sich das Leben nicht zu voll zu packen, dass es einem nicht um die Ohren fliegt, da das richtige Level zu finden, finde ich auch schwer.

    Mit 18 vorm Studium hab ich das gemacht mit Somalis. Musste nix können. Nur Deutsch und viel lachen mit den Kids. Hat mir Spaß gemacht. Sonst mach das doch bei dir zuhause. Du hast doch eine Schule. :) Einfacher wenn die Kinder zu einem kommen. Hatte ich auch später mit Kleinkind.

    Zu den Superwomans mit den Superwomanblogs: Einfach nicht lesen! Vielleicht haben sie Angst zu wenig zu sein. Kind aufzuziehen war zwar eintönig und unterforderte mich. Ich rede von einem halben Kind, nicht von drei. Aber es hat sich gelohnt, sich dem Kind wirklich zu widmen, jeden Moment zu genießen (und das hab ich!) und zu schätzen was man da leistet. Ich habe auch Mütter erlebt, die nie in diese Rolle gefunden haben und das merkt man bis heute. Die Kinder wurden später schwierig weil unglücklich, diese Entwicklung war leider abzusehen. Ich hatte großes Glück weil trotz getrennt wir immer Eltern waren mit 2 Kinderzimmern und wir uns das teilten 50:50. Nein, sie war nicht mehr bei mir. Weil das immer die erste Frage ist. Genau hälftiges Wechselmodell. Sie kann heute gut kochen weil es der Vater kann. Ich nicht. Ich musste keinen auf Familie machen. Eine Riesenerleichterung! Ich bin kein Familienmensch. Ich will ein Ich sein. Kein Wir. So hatte ich immer die halbe Woche frei und konnte einfach nur Tanja sein. Kind wurde regelmäßig befragt und äußerte sich glücklich, drei Zuhause zu haben (Oma).

    Liebe Grüße – Tanja

  4. Yvonne sagt

    Ich kenne dieses Gefühl von Alltagsünerforderung und versinken in den Verpflichtungen sowie das Sammeln von neuen Ideen von Nähprojekten über Aufbauen einer Beratungsstelle für Eltern mit Behinderung bis zum Organisieren einer Krabbelgruppe mit Flüchtlingsmüttern….umso cooler finde ich, dass du den Schritt gegangen bist und aus Worten hast taten werden lassen!!!! Schön zu lesen dass es dich erfüllt und eine Seite von dir ausleben lässt, die sonst nicht so viel Raum hat . Mir zeigt es auch , dass es trotz der Ängste und Vorbehalte wichtig ist in den Austausch zu gehen….mal sehen ob es mir gelingt einen Weg für einen Austausch zu finden….Erst mal eine schöne Weihnachtszeit!!!! Lg

  5. Pingback: Wir lernen Deutsch. (1) | MamaDenkt.de

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