AlltagsAbenteuer, res publica
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Wir lernen Deutsch. (1)

So. Da es in den kommenden Wochen vielleicht häufiger immer mal wieder einen Blogpost zu meinem Deutschunterricht mit den (noch) zwei geflüchteten Jugendlichen gibt, starte ich mal eine neue BlogartikelReihe. Ja, es gibt noch die zwei vorangegangenen Posts, in denen ich von meiner ersten Stunde und dem zweiten Aufeinandertreffen berichte. Lest selbst einfach nach, wenn es euch interessiert.

DeutschkursMeine Arbeit mit diesen beiden Jungs macht unglaublich viel Spaß. Heute kam ich nach Hause und stellte beim Ablegen der Garderobe fest “An mir ist der Welt eine Lehrerin verloren gegangen.” Sagt man so, oder? Zumindest an meiner Freude und Leidenschaft für diesen Beruf.

Mir bereitet die Zeit mit den beiden Jugendlichen nicht nur viel Freude. Ich fühle eine Leidenschaft in und für die Sache, die ich kaum beschreiben kann. Sie ist in der Tat so hoch, wie meine Begeisterung als Mama voll für meine Kinder Zuhause zu sein. Ein Versuch es in Worte zu fassen, würde so aussehen:

* Ich habe das Gefühl, absolut das Richtige zu tun.
* Ich merke, dass die Jungs dankbar sind. (Sich für sie einzusetzen, ist dann natürlich viel leichter.)
* Ich mag das LehrerDasein. (Ich frage mich, ob ich es kann? Daher habe ich einfach entschieden, dass ich es kann. Denn: Sie wollen bei mir Deutsch lernen, mir macht das Unterrichten Freude und wir erweitern tatsächlich Schritt für Schritt ihren Wortschatz.)
* Mich auf diese 1-1,5h vorzubereiten, erfüllt mich total. (Ich mag das Konzipieren, Zusamenstellen, Suchen und Kreativ werden, wenn es um die Umsetzung geht. Die Logopädie mit meinem Kerl bringt mir dabei gerade auch unzählige Ideen. Als was für ein Schatz sich diese Stunden im Nachhinein nun herausstellen.)

Zwei kurze Anekdoten

Inzwischen sind einige Abende des Lernens ins Land gegangen. Was bisher geschah:

An einem der Abende kam ein dritter Flüchtling in unsere Deutschstunde “hereingeplatzt” und wollte wissen, wann wir fertig seien. Ich meinte in einer Viertelstunde, einer der Jungs meinte, nein, eine Stunde. Es ging kurz hin und her und schließlich ging der, der bei uns hereingeplatzt war mit der Info, dass wir in einer Viertelstunde fertig sein. Unsere Deutschstunde war ab dem Moment gelaufen. Ich versuchte irgendwie herauszubekommen, was das Problem sei? Denn schließlich sei ich doch eine Stunde heute da und die wäre eben in einer Viertelstunde rum. Ich nahm das so hin, nachdem er einfach nichts mehr sagte. Zumindest nicht von sich aus und nur seine Zeit absaß. Das fand ich total schade, aber was sollte ich machen? Da ich mit Ralf noch was zu bereden hatte, erzählte ich ihm von der Situation und meinte, dass ich keine Ahnung hätte, was das eigentliche Problem gewesen sei. Noch während ich dabei stand, kamen die Jungs dazu, klärten das ein oder andere und schließlich bekam ich, die hinter der Tür stand einen Wink zugeworfen, der deutlich machte, dass es jetzt um mich ging. Mit einem weiteren Jugendlichen, einem vierten, der als Übersetzer diente. Letztendlich stellte sich nun also heraus, dass meine beiden Schüler sich wünschten, dass ich 2-3 die Woche kommen sollte. Das war so großartig. Ich habe mich einfach riesig gefreut, dass sie gerne Deutsch lernen wollten und dass es ihnen auch wichtig war, dass ich das jetzt mache. Natürlich geht es ihnen in erster Linie darum ihr Deutsch bis nach den Ferien stark verbessert zu haben und ihren Lehrer im neuen Jahr beeindrucken zu können. Dennoch ging das an dem Abend runter wie Öl.

An einem weiteren Abend, diesmal eher gegen Ende, meinte einer der beiden: “Tee kommen?” Schnell stellte sich heraus, dass ich mit in ihren Aufenthaltsraum kommen sollte, weil sie mich auf einen Tee einluden.
Ich gestehe, das war so nicht geplant. Ich war mir nicht sicher, ob das jetzt in Ordnung sein würde. Doch es schien ihnen sehr wichtig zu sein. Und ich muss sagen, ich bin erstaunt, wieviel Höflichkeit die Jungs einfach so schon “intus” haben. Tür aufhalten, Stuhl zurecht rücken, Tee anbieten, Tee zubereiten… Es ist seltsam. Ich habe jetzt von einer Mama gelesen, die sich von ihrem 6- oder 7-Jährigen Sohn einmal die Woche zum Essen gehen einladen lässt, um ihm auf diese Weise höfliche Umgangsformen vorzuleben. Ich fand’s komisch, zuerst. Aber jetzt gerade sehr süss, wenn man es richtig verpackt und das vorlebt und kommuniziert, worum es dabei geht. Also nicht nur, wie man Messer und Gabel benutzt, sondern auch und besonders, was Höflichkeit ist. Na ja. Mal noch gibt’s hier ein paar andere Prioritäten.
Was ich damit sagen will: Diese Kerle malen mir ein ganz anderes Bild von ihrer Welt, als ich es bislang hatte. Klar, sie sind in einer anderen Situation als bei sich Zuhause. Aber hej, sie befinden sich in einem fremden Land, können nicht davon ausgehen, dass ihnen jeder freundlich gesinnt ist und nehmen erstmal, was man ihnen anbietet. In großer Dankbarkeit. Zumindest ist das meine Erfahrung.

Klar, es gibt auch große Unterschiede in der Mentalität. Zum Beispiel haben wir durch euch und den finken Verlag zwei TING-Stifte zur Verfügung und ein Buch. Während meines Unterrichts ist es überhaupt gar kein Problem beide Stifte mit Kopfhörern oder kooperativ zu arbeiten. Für Hausaufgaben oder den gebrauch, wenn ich nicht dabei bin, in ihrem Alltag, BRAUCHEN sie zwei Bücher. Der eine Jungs ist davon auch nicht abzubringen. Sowas ist dann schräg, aber hej, ich dusche wenn’s hochkommt einmal die Woche, bügel nicht und und und… Was bedeutet schon schräg?

Durch amberlight habe ich von Königinnenreich erfahren, die sich ebenfalls einem DeutschunterrichtProjekt gewidmet hat. Allerdings in einem viel größeren Umfang als ich. Wenn ihr noch weitere gute Ideen habt, NetzEntdeckungen, Material, Bekannten, die was wissen… vielleicht seid ihr selber auch aktiv? Wie sehen eure Ideen aus?

1 Kommentare

  1. Franzi sagt

    Hallo Rachel,
    ich glaube ich hatte dir schon mal zu dem Thema geschrieben, aber ich weiß es grad nicht. ich finde es jedenfalls super, dass du das machst und auch, dass du auf ihre Bitte eingegangen bis tund ihr euhc jetzt öfters trefft. ich bin gerade über “Dings” gestoßen, das ist ein Bilderwörterbuch, das man kostenlos bestellen oder als pdf runterladen kann. Schau mal hier: http://www.dings.me/ oder uach hier https://www.facebook.com/saatchipro/?fref=photo. Vielleicht hilft es dir ja.

    LG Franzi

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