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Gewalt in der Erziehung – Kein Weg.

Gewalt in der Erziehung

Vermutlich sind wir uns hier alle einig, dass Gewalt in der Erziehung ein No-Go ist. Solange wir versuchen eine Definition für diese Gewalt zu finden, sind wir vielleicht auch noch recht lange beieinander. Ganz bei dir – sozusagen. Setzen wir uns dann daran verschiedene Facetten und Arten von dieser Gewalt nachzuzeichnen und einzuordnen, werden sich die ersten Geister scheiden. Wann beginnt Gewalt in der Erziehung?

Gewalt in der Erziehung

Jeder weiß was gemeint ist und dennoch wird sie unterschiedlich gesehen und erlebt. Leider – wie ich finde. Aber ich rolle das Thema nochmal neu auf, denn es lässt mich einfach nicht los.

Ist Gewalt in der Erziehung erlaubt?

Natürlich nicht. In §1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ist festgehalten, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben. “Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.” Denn wir haben es mit Gewalt zu tun.

Wie sieht diese Gewalt nun aus?

Und an dieser Stelle wird es nun haarig. Zumindest für den ein oder anderen, der als Gewalt erstmal nur Schläge, Tritte, Ohrfeigen, vielleicht auch eindeutige Manipulationsversuche seitens der Eltern verstanden hat. Letzteres wäre schon eine große Abstraktionsleistung.

Meine eigene Kindheit

Als ich Kind war, gehörte es irgendwie dazu, dass ich eben auch den Hintern gehauen bekommen habe. Drohungen waren ein Teil davon, Liebesentzug kenne ich auch. Trotzdem und dennoch habe ich meine Eltern geliebt, wie auch heute. Beeinflusst und etwas aus mir gemacht hat es nichtsdestotrotz.

Heute wünsche ich mir manchmal,

  • weniger harmoniebedürftig zu sein.
  • mehr Konflikte zulassen und eingehen zu können.
  • weniger angepasst und freundlich zu sein.
  • mehr darauf bedacht zu sein, wie es mir mit einer Sache geht?! (Das lerne ich gerade – und ich schlage mich ganz gut. Mit Schokolade.)

Meine Kinder und ich oder: Der besagte Klaps.

Bevor mein erstes Kind da war, wusste ich genau, dass meine Kinder eben auch mal den besagten Klaps kriegen würden. Wenn mein Kind mit der Hand auf die Herdplatte packte, dann bekäme es ein paar auf die Finger. Ihr kennt den Gedanken vielleicht ja auch aus eurer Kindheit.

Geschlagen habe ich meine Kinder nie. Nicht mit meinen Händen. Aber mit Worten. Worte können so viel verletztender sein oder zumindest genauso viel Schaden anrichten, den wir oftmals versuchen zu verdrängen.

Wir sagen und diskutieren schließlich aus und in Liebe. Das muss das Kind doch verstehen. Nein. Muss es nicht. Es fühlt. So wie wir damals auch gefühlt haben. Ich fand es furchtbar, wenn einer meiner Eltern mich tagelang ignoriert hat und auf mich “sauer” war. Die Ohrfeige in der Pubertät fand ich auch nicht toll. Geliebt fühlte ich mich in dem Moment nicht.

Aber trotzdem war es für mich selbstverständlich, dass ich das auch anwenden würde? Schließlich ist aus mir ja auch was geworden? Ich habe es nicht getan und hätte es nicht gekonnt.

Nach den BrüllFallen

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Auch nach unsere Brüllfallen vor etwa zweieinhalb Jahren. Meine Kinder habe ich nicht geschlagen. Popo hauen, gibt’s nicht. Liebesentzug auf gar keinen Fall! Aber wie kommen wir hier gerade klar?

Wir üben! Jeden Tag neu und wir werden jeden Tag besser. Vor allem gelassener. Meine strenge Stimme habe ich nur noch selten nicht mehr im Griff, aber sie schreit und schlägt nicht mehr um sich. Oftmals erlebe ich in mir weiterhin, dass mich meine Kinder zur Weißglut bringen können. Dann platzt mir der Kragen und ich halte mich nicht an die Dinge, die ich mir vorgenommen habe. Allerdings versuche ich gnädig mit mir zu sein. Mit mir und meinen Kindern.

Ich will, dass es bei uns anders ist. Ich möchte das Ziel erreichen, dass meine Kinder sich als geliebte, starke und selbstbewusste Persönlichkeiten erleben und entwickeln. Jeder auf seine Art. Gewalt hat dort nichts zu suchen. Und zu Gewalt in der Erziehung gehört mE auch:

  • brüllen
  • manipulieren
  • drohen
  • wegdiskutieren (das Kind hat hierbei NIE eine Chance)
  • zwingen
  • übergehen

Vor einiger Zeit wurde ich dazu aufgefordert, nicht meines, aber ein anderes Kind innerhalb einer Sportveranstaltung zu einer bestimmten Übung zu bewegen. “Das Kind MUSS.” Nein, das sehe ich ganz anders. Kein Kind MUSS. Ich muss ja auch nicht. Wieso muss das Kind? Wie reagiere ich, wenn mich jemand zwingt? Mit Freude? Nein.

Vielleicht mache ich es, aber nicht aus innerer Motivation, Überzeugung und weil es meiner Person entspricht.
Ich muss, ich soll nicht auf mein Bauchgefühl hören, sondern meine innersten Bedürfnisse und Empfindungen für jemand anderes übergehen. “Das ist nicht so wichtig, da muss ich durch.” Krankheiten, wie BurnOut, Depressionen, Angststörungen und so weiter liegen in vielen Dingen begründet. Unsere schnelllebige und leistungsorientierte Zeit hat bestimmt großen Anteil daran. Ich sehe manches auch in der Art und Weise wie wir erzogen wurden begründet. Manches, nicht alles.

Ich habe jedenfalls nicht gelernt, für mich einzustehen und hole das jetzt nach. Nicht wirklich einfach, wenn die ersten zwei Jahrzehnte ganz anders ausgesehen haben. Für meine Kinder möchte ich das anders!

Was sind also Alternativen?

Das Kind fragen. Oftmals brauchen wir noch nicht einmal zu fragen, weil das Kind ja ganz klar sagt, dass es etwas Bestimmtes nicht will, was wir aber von ihm wollen.  Uns banal erscheinende Dinge, wie Zähne putzen oder den Teller leer machen oder in die Schwimmgruppe gehen oder kein Kleid anziehen oder nicht die dritte frische Hose an diesem Tag anziehen oder oder oder…

Die Liste ist lang und es stellt sich die Frage, wie denn Alternativen für Gewalt in der Erziehung ausschauen. In der Literatur, aber auch aus der Erfahrung komme ich immer wieder zu diesen drei B’s zurück:

Dabei geht es nicht nur darum, dass ich eine Beziehung zum Kind suche und liebevoll leben möchte. Auch das Kind sucht nichts anderes als diese Liebe, Geborgenheit und Sicherheit schenkende Beziehung. Nicht nur die Bedürfnisse des Kindes, sondern auch meine sind von Relevanz. Wenngleich ich diejenige bin, die um einiges reflektierter und erfahrener in diese Bedürfnisbefriedigung einsteigen kann – könnte man zumindest meinen. Außerdem geht es um eine beidseitige Bindung. Das bedeutet, es geht nicht darum kleine Echoisten und Tyrannen großzuziehen, sondern darum sich gegenseitig aneinander zu binden. Egoismus und Tyrannei schließen sich in meinen Augen durch die Beidseitigkeit der Begriffe kategorisch aus. Noch viel mehr zu diesen Begrifflichkeiten und Gedanken könnt ihr bei Frau Mierau finden oder einer Reihe weiterer toller Familienblogger entdecken. Ich lese sie alle sehr gerne, weil ich merke, dass wir nah beieinander stehen und ich weiterhin neue Gedankenanstöße bei ihnen finde.

Seitdem wir uns entschieden haben, es anders zu machen, kommt viel Gelassenheit in unseren Alltag, aber oft auch Wirbel, den es so vielleicht vorher seltener gab. Zum Beispiel weil K3 beim Essen aufsteht oder K2 dann tatsächlich alle Kleider an einem Tag durchprobiert hat und beschließt nicht zum Schwimmen zu gehen.

Ich werde oft ein bisschen verständnislos angeschaut, wenn ich unseren Alltag den Kids anpasse. “Die Kinder müssen doch und ich tue ihnen keinen Gefallen, wenn ich sie entscheiden lasse.” Wenn ich Gegenseitigkeit ernstnehme, dann respektiere ich, dass das Kind an einem Tag irgendwo doch nicht hin möchte. Unsere Kinder passen sich an so viele Terminvorgaben von außen an. Wieso nicht auch wir an sie?!

Ein Kind, das von einem Großen irgendwohin geschleift wird, gegen seinen Willen, unter Tränen und mit Geschrei und Weinen, erfährt nichts anderes als Gewalt. Ich gerate zunehmend in solche Situation, die ich

a) mehr oder weniger entsetzt beobachte.

b) Frage ich mich, ob mir diese Augenblicke vorher nur nicht aufgefallen sind. Die aber schon damals existent waren. Oder ob sie sich aktuell tatsächlich häufen. Beides finde ich schlimm.

Ich bin davon überzeugt, dass wir andere Möglichkeiten haben, Leben zu leben. Mit unseren Kindern. Den eigenen und auch den fremden, denen wir in Gruppenkonstellationen beim Sport, in der Freizeit oder auch in der Schule begegnen.

Sie benötigen einen Rahmen, der überschaubar ist. Dieser wird sich vergrößern, während sie sich weiterentwickeln, selbständiger werden, älter werden und eigene Erfahrungen dazu gewinnen. Ein Rahmen, der sich durch das Aufeinandertreffen von Menschen und deren jeweiliger Freiheit und Wertschätzung ergibt. Indem ich mich als Person in diese Beziehung hineingebe, entsteht automatisch ein Rahmen, der natürliche Begrenzung, aber auch viele Möglichkeiten schafft.

Leben in der Erziehung

Ich bleibe an dieser Stelle sehr bewusst bei dem Wort Erziehung. Ich weiß noch nicht so recht, wie sehr ich tatsächlich erziehen möchte. Beziehung ist für mich das A und O. Denn ich stelle fest, dass Erziehung geschieht und Kinder meine Leitung in bestimmten Zusammenhängen gerne, in manchen nicht so gerne in Anspruch nehmen, beispielsweise im Straßenverkehr. Und ja, ich nehme mir an solchen Stellen vereinzelt heraus, zu entscheiden und zu bestimmen. Daher gibt es bei uns weiterhin so etwas wie Erziehung. Aber es soll keine Gewalt in der Erziehung geben. Auch nicht durch Zwang, Druck oder Manipulation.

„Du bist nicht der Bestimmer.“

Damit hat mein Kind recht. Will ich auch gar nicht. Und seitdem wir irgendwie manches anders machen, sind wir langsamer geworden. Wieso muss sie denn den Teller leer machen? Oder probieren? Wieso muss er denn zum Schwimmen, Reiten oder Balett? Warum muss sie Hausaufgaben machen oder beim Radfahren einen Helm aufsetzen?

Wir stellen uns heute mehr Fragen. Wir nehmen uns Zeit und wägen ab: Darf ich bestimmen? Soll ich bestimmen? Muss ich bestimmen? Warum denn? So manches überlasse ich inzwischen den Jungs. Ich fühle mich freier und sie sich sehr viel „größer“ und eigenständiger.

Noch nicht immer, aber jeden Tag aufs Neue.

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