AlltagsAbenteuer, res publica
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Wir lernen Deutsch. (2)

So. Ich bin etwas verwirrt. Bin mir nicht sicher, wohin mich dieser Blogartikel führen wird. So viel zu Beginn: Einen Lehrplan, wie man Jugendlichen aus Syrien, Aserbaidschan oder dem Iran Deutsch beibringt, wird es hier nicht geben.

Es ist eher ein Blick auf die vergangenen Tage. Wir haben viel in den Weihnachtsferien gelernt. Die beiden Jugendlichen hatten einiges aufzuholen und es freut mich, wenn ich sehe, dass der Wortschatz jedes Mal was größer geworden ist. Wenn Fragen wie “Was ist das?” oder “Wo ist das?” oder “Wie geht es dir?” richtig angewendet werden. Wenn statt des Infintivs immer häufiger auch die 1.Person Singular verwendet wird. Mich freut das sehr.

Wenn dann zeitgleich etwas total anderes an Hauptbahnhöfen geschieht, wenn die Medien plötzlich Informationen lostreten, die nicht journalistisch aufbereitet wurden. Wenn von ausländischen Flüchtlingen gesprochen wird, die unser abendländisches Frauenbild nicht akzeptieren, sogar zu sexualisierter Gewalt übergehen. Ich merke, wie sich mir die Haare aufstellen, wenn alle über einen Kamm geschert werden. Rassismus und Feminismus sind die Themen, die mich neben meinem MamaSein gerade umtreiben.

Ich merke, ich befinde mich in einer Schlacht. Denn die Flüchtlinge, die mir bislang begegnet sind, waren höflich. Noch nie ist mir so oft die Tür aufgehalten worden. Oder hat man mich im Laufschritt überholt, um sie mir zu öffnen. Seien es meine Schüler oder die Menschen, denen ich im Supermarkt oder in der Kinderarztpraxis begegnet bin. Natürlich gibt es auch die schwarzen Schafe Ausnahmen*. Unter meinen deutschen Mitbürgern, wie unter Flüchtlingen. Das stellt keiner in Frage. Oder doch?

Rechte werden gegeneinander ausgespielt. Frauen instrumentalisiert, um Gedankengut zu verbreiten, das wiederum menschenrechtlich nicht zu vertreten ist.

Ich frage mich, wie das werden soll? Was für eine Zukunft zimmern wir uns da gerade zusammen? Uns und unseren Kindern. In was für einer Welt werden meine Kerle leben? Wie werden sie mit Frauen umgehen? Wir leben in unserer Familie mit gegenseitigem Respekt voreinander. Mann vor Frau und Frau vor Mann. Wie kann ein Familienleben, eine Beziehung anders funktionieren? Was denken eigentlich meine Schüler? Was für ein Frauenbild haben sie eigentlich? Wie waren die Rollen in ihren Familien verteilt? Vergeben? Umkämpft?

Ich schweife ab.

IchpackeinmeinenKofferUnser Unterricht läuft gut. Ich muss mich manchmal durchsetzen. Aber ich habe weiterhin wissbegierige und lernbegeisterte Schüler. Wir spielen “Ich packe in meinen Koffer” oder “Bingo!” oder was auch immer, um Zahlen und Wörter zu lernen. Ich gebe den Kurs an, sie machen mir deutlich, was sie lernen wollen. Die Uhr, zählen, Verben.

Das Feedback der letzten Einheit: “Du bist gut. SEEEHR gut!” Danke. Ihr auch.

*edit: Nach einem Hinweis einer BlogLeserin hier eine kurze Aktualisierung meiner Ausdrucksweise. Obwohl ich zutiefst hoffe, dass niemand glaubt, dass ich Rassismus förderndes Sprachgut bewusst angewandt habe, anwenden wollte, was auch immer.

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