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Starke Kinder. Aber nicht durch Zeugnisse

Starke Kinder nicht durchs Zeugnis01

Ich war immer gut in der Schule. Die 7. Klasse mal außen vor gelassen. Ich war stark. Notenstark. Leistungsstark. Am Ende sogar stufenbeste und überschüttet mit Ehrungen für das beste Abi, die Teilnahme an einem Lateinwettbewerb und so weiter. Aber sonst? Ich habe mich nie als stark empfunden. Ich wusste, dass meine Eltern mich lieben. Das hat mich schon auch irgendwie stark gemacht und auch mein Selbstbewusstsein derart gestärkt, dass ich ziemlich genau wusste, was ich wollte. Nichtsdestotrotz fehlte mir lange, lange Zeit ein Gefühl dafür, dass ich auch ohne diese Leistungen gut war. Gut bin. Stark bin. Ich empfand mich immer als schwach. Nie so wirklich gut genug. Starke Kinder sahen anders aus. Sehen anders aus.

Starke Kinder

Was, oder besser gesagt, wie sind denn starke Kinder? Was zeichnet sie aus? Wodurch fallen sie auf? Darauf kann ich euch keine pauschale Antwort geben.

Ich kann mal versuchen euch ein bisschen zu beschreiben, welches Kind ich als stark charakterisiere. Vor fast zweieinhalb Jahren habe ich schon mal darüber geschrieben, wie wichtig es mir ist, meine Kinder zu stärken. Den Artikel dazu findet ihr hier.

Wann sind unsere Kinder stark?

Wenn Kinder sich geliebt fühlen und wissen. Wenn sie in sich spüren, dass sie nichts an Leistungen zu erbringen haben, um diese Liebe zu erhalten und zu empfinden. Wenn Kinder wissen, dass sie wertvoll sind, ohne ihr Dazutun. Durch ihr Sein und nicht durch ihr Tun oder Haben.

Wenn Kinder sich als selbstwirksam erleben. Wenn sie sehen, dass sie die Welt verändern und mitgestalten können. Wenn Kinder erleben, dass die Welt und Menschen auf sie reagieren, mit ihnen gemeinsam interagieren und sie die Stärke haben Richtungen mitzubeeinflussen, dann erlebe ich Kinder als stark.

Wenn Kinder erleben, dass sie Stärken haben und Fähigkeiten, die ihnen ganz eigen sind. Dabei geht es nicht darum, dass sie mit diesen Stärken vor anderen glänzen können, sondern dass diese Stärken Fähigkeiten und Interessen sind, die ihnen ein Flow-Erlebnis schenken. Etwas, das wir Erwachsenen häufig erst wieder erlernen müssen, weil unser Zeitverständnis und Terminplan uns dazu kaum noch Raum geben.

Wenn Kinder erfahren, dass sie wichtig sind. Dass ihre Meinung zählt, genauso wie die eines Erwachsenen. Wenn sie erleben, dass Erwachsene sich auf Augenhöhe begeben und sie ernst nehmen.

Was macht unsere Kinder stark?

Bevor jetzt irgendjemand kommt und mir unterstellt, dass ich ein Plädoyer für verzogene Gören vertrete oder meine rosarote Brille absetzen soll – spar dir das.  Darum geht es nicht.

All diese Dinge, die ich da oben zusammengestellt habe, schließen nicht aus, dass Kinder natürlich auch Grenzen erfahren (zu haben). Meine persönlichen emotionalen Grenzen oder auch gesellschaftliche Grenzen. Natürlich. Aber das eine schließt das andere nicht aus, sondern ergänzt und begrenzt sich gegenseitig. Einen Blogartikel, der das alles nochmal sehr schön zusammenstellt, habe ich bei Madame FREUDig vom Blog terrorpueppi entdeckt. Lest dort mal nach und ihr erhaltet einen guten Einblick in auch meine Denke zum Thema „unerzogen“ und Begrenzung. (Ich bin hierbei noch weiter auf dem Weg – aber das trifft es sehr, sehr gut.)

Aber was trägt denn nun dazu bei, dass Kinder stark werden, stark sind und stark bleiben?

Starke Eltern, die wissen, worauf es ankommt. Die ihr Kind nicht nur als das Wesen sehen, das durch Leistung in die Gesellschaft integriert werden muss.

Motivation und Herausforderung. Dazu gehören Mut machende Worte, Erfahrungen und Erlebnisse. Dazu gehört, dass wir Erwachsenen das einzelne Kind tatsächlich ganz genau in den Blick nehmen. Ich habe in meiner Twitterblase so viele Lehrerinnen, die das trotz dieses schrägen Bildungssystems genauso so machen. Aber es ist anstrengend und erfordert Kraft. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass diese Lehrer*innen in ihren Ambitionen und Visionen, in ihrem Wissen und ihrer Erfahrung viel mehr unterstützt und gefördert werden.

Exkurs: Das hier ist kein Rant gegen Lehrer

Ich weiß, dass viele Lehrer sehr ambitioniert und engagiert, mit viel, viel Herzblut ihren Job machen. Das stelle ich nicht in Frage. Es gibt auch die anderen Lehrer, die leider ihren Beruf verfehlt oder aufgrund anderer Lebensumstände keine Energie mehr für ihren Job haben. Keine Frage.

Um nochmal auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Was macht unsere Kinder stark? Das Zeugnis nicht. Das glaube ich nicht. Daraus resultiert nicht das Wissen: Ich bin geliebt. Vielleicht zeigt es ein wenig, worin meine Stärken liegen. An den Stellen, die ein Zeugnis tatsächlich beurteilen und abfragen kann. Aber sowas wie Wissensdurst, innovatives Denken, lösungsorientiertes Arbeiten und Empathie lassen sich in der Regel nur fadenscheinig durch eine Note greifen.

Zeugnisse sind Momentaufnahmen

Mir ist es ein Anliegen zu diesem Zeitpunkt und an dieser Stelle nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es sind nur Zeugnisse. Es sind Momentaufnahmen über ganz kleine Wissens- und Lernbereiche über nicht einmal 12 Monate. Diese Momentaufnahmen machen unsere Kinder weder stark noch sollten wir, Lehrer und Eltern, sie als Kennzeichen für „gutes Kind“, „schlechtes Kind“ missbrauchen. Ich würde gerne schreiben, dass sie weder stark noch schwach machen. Aber leider trifft es das nicht. Denn schwächen in ihrem Selbstbewusstsein können diese Zeugnisse sehr wohl. Ähnlich wie damit verbundene unter Druck setzende Äußerung, wie „das wird nichts mit der Versetzung.“

Müssen Zeugnisse für eine solche Art der Bewertung eines Kindes herhalten, spreche ich mich resolut dagegen aus. Genauso wie gegen Lehrergespräche, in denen die Lernentwicklung eines Kindes besprochen werden soll und es nur um die Defizite des Kindes geht. Obwohl Entwicklung zu verzeichnen sind und sogar schwarz auf weiß vorliegen. Wo ist da Motivation?!

Wo sind die starken Kinder?

In Rheinland-Pfalz gibt es heute Zeugnisse. Ich befürchte, dass viele, viel zu viele, mit Sorge und Befürchtung jetzt im Schulbus sitzen, auf dem Weg nach Hause.

Ich musste erst gestern feststellen, dass K1 plötzlich große Angst gemacht bekommen hat. Zwei Tage vor den Ferien. Wegen einer Sache, die auf fehlende Konzentration zwei Tage vor den Sommerferien zurückzuführen war. Manche Dinge sind nicht nötig und manches nicht so wichtig, wie wir meinen. Stärke und Selbstwert habe ich leider erst nach der Schule gelernt. Für meine Kinder wünsche ich mir das schon jetzt.

Lasst uns dafür einsetzen, unsere Kinder stark zu machen. Gleich kommt eine 5 nach Hause? Dann nehmt euch in den Arm. Lasst die 5 heute 5 sein. Dann geht zusammen essen. Im Restaurant.

Feiert eure Kinder, jeden Tag. Und natürlich die Ferien, auf die warte ich nämlich schon mit lauter Vorfreude. Es gibt viele Wege unsere Kinder stark zu machen. Wie machst du das?

7 Kommentare

  1. Liebe Rage,

    vielen Dank für diese tollen Gedanken. Ich hatte einen Lehrer in dessen Fach ich absolut schlecht war und der mir trotzdem das Gefühl gegeben hat, dass er mich mag. Es gab aber auch die anderen Lehrer, die das anscheinend nicht verstehen könnten, dass ein Schüler in ihrem Fach schlecht war. Und die haben einen das bei jeder schlechten Note spüren lassen. Vielleicht haben sie es auch als persönliche Verfehlung ihres Unterrichts empfunden, das ist es meistens aber nicht gewesen. Ja der eine kann das gut und der andere eben das. Wie stärke ich mein Kind gegen schlechte Noten? Genau, indem ich ihm das vermittel: Nicht jeder Mensch kann in allem gleich gut sein und das ist auch nicht wichtig. Stell dir mal vor wir wären alle gleich gut in allem. Wie langweilig wäre die Welt 😀

    Liebe Grüße
    Ella

    • Eben. Sie wäre furchtbar langweilig. Diese Erkenntnis haben wir allerdings meistens nicht, mit 6, 9, oder 14 Jahren. Wenn dann nämlich so einen Druck von außen an uns gestellt wird, könnten wir souveräner damit umgehen…

  2. Cia sagt

    Ich studiere Lehramt. Und es ist ein Krampf, muss ich ganz ehrlich sagen. Da sind die oft veralteten Herangehensweisen und gleichzeitig sollen sich Lehrkräfte raushalten und die Kurse nur noch „moderieren“, dass funktioniert aber nicht richtig wenn man von Seiten des Landes her ständig neuen Druck bekommt möglichst viele Leute mit durch zu ziehen.
    Ich würde mir wünschen, dass das Schulsystem nochmals grundlegend überarbeitet werden würde, mehr auf Lerntypen und Möglichkeiten diese zu fördern und fordern eingehen.
    Oft kollidieren dann eben die Bedürfnisse von SchülerInnen mit den Anforderungen, die die Lehrer selbst ja auch nicht beeinflussen können. Wir können nur versuchen den Unterricht relevant und greifbar zu machen und eben Spaß zu wecken. Es sollte ja bei der Notengebung gar nicht immer darum gehen, was erreicht wurde an Noten, sondern um die Entwicklung der einzelnen SchülerInnen. Das ist aber gerade bei getackteten Gesprächen nicht immer einfach, die einfachste Lösung ist es da die Defizite aufzuzeigen an denen gearbeitet werden muss um das vorgeschriebene Niveau zu erreichen. Ich hab das Gefühl, dass ganz oft ein Mangel an Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern eine immense Schwierigkeit bedeutet. Wie kann/soll ich ein Kind fördern, wenn ich nicht weiß wie es daheim agiert? Oder wie soll ich es erziehen? Was für Sanktionen finden Eltern angebracht? Das Problem ist, dass oft Eltern ihre Kinder abgeben und dann nur hinkommen, hören wollen was nicht läuft und wieder gehen. Aber wir haben die Verantwortung für ihr Kind. Wir sollen es zu akademischen Bestleistungen bringen. Aber wenn wir es genau nehmen wollen, wissen wir doch gar nichts über die Kinder. Und wie soll man da persönlich abgestimmte Förderung entwickeln?
    Meiner Meinung nach würde eine Reduzierung der Klassengröße schon immens viel bringen. 20 Leute hat man gerade noch im Blick, alles darüber verschwimmt schnell und man nimmt einzelne Menschen nicht mehr wahr.
    Im Anschluss an die Überarbeitung des Schulsystems soll bitte auch direkt die Universitätsausbildung fürs Lehramt überarbeitet werden, die finde ich mindestens genauso doof 😉

  3. Laura sagt

    Hallo liebe Rage,

    Ich habe jetzt noch keine schulpflichtigen Kinder… Allerdings besteht bei uns hier alles daraus eine Bindung zum Baby aufzubauen. Das ist meiner Meinung nach entscheidend. Für mich ist die Frage wie ich ein Kind an eine bezugsperson binden kann, wenn diese bspw. Sieben andere Kinder hat. Daher ist für mich kita nicht relevant.

    Danke für den Beitrag, Laura

  4. Ulschka sagt

    Im FR-Magazin (Thema: Zeugnis) war – sehr passend – am Wochenende der Text dieses Liedes abgedruckt:
    https://www.youtube.com/watch?v=_NvSoVYjaWA
    Und: in der Abiphase unserer ältesten Tochter dachten wir „die daddelt nur am Laptop rum statt zu lernen“. Später las ich in der Abizeitung in ihrem Steckbrief „ich danke dem Youtube-Kanal Explainity für die Physik-Videos, ohne die ich verloren gewesen wäre“. Da war klar, dass wir einfach ein ganz anderes Bild vom Lernen hatte, dass wir unsere Art zu lernen vorausgesetzt hatte. Hätten wir als Eltern natürlich im Gespräch klären können, aber man läuft eben manchmal mit Scheuklappen durch die Gegend. Aber dank des Satzes in der Abizeitung fand das Gespräch dann wenigstens im Nachhinein statt und wir haben uns für unser mangelndes Vertrauen entschuldigt. Sie fand, wir konnten gar nicht entspannt sein, weil uns ja auch ständig jeder auf den Schulabschluss angesprochen hat. Das hört auch nicht auf. Waren es früher Schulleistungen, Zeugnisse, etc. geht es nun weiter mit Fragen nach Studium und Ausbildung. Die ganze Gesellschaft ist da sehr unentspannt und Leistungsorientiert.

    • rage sagt

      DAS finde ich krass. Das perfekte Beispiel, dass jeder anders lernt und was für ein Segen neue Medien auch sein können. Danke für eure Erfahrung!

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