AlltagsAbenteuer
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Die BrüllFalle. Teil1

Habt ihr schon mal von ihr gehört? Ich bis vergangenes Wochenende nicht. Aber, ich kenne das hier und damit vermutlich auch die BrüllFalle:

“Justus halt. Hör bitte auf durch die Wohnung zu rasen. Du fällst und knallst mit dem Kopf gegen die Fliesen.”
Das Kind rast weiter durch die drei Zimmer. Einmal quer durchs Wohnzimmer, in die Verlängerung durchs Esszimmer bis in die Küche, wo die Spülmaschine mit weit geöffnetem RiesenMaul, ich meine geöffneter Tür steht. Ein kleiner Sprung und zack! das Kind sitzt im Spülraum.
Mit leicht erhobener Stimme: “Justus. Hör bitte auf so wild durch die Wohnung zu laufen. Du sollst dir deinen Schlafanzug suchen. Ich helf dir auch beim Anziehen.”
Doch: Keinerlei Reaktion. Das Kind macht kehrt, rennt den Weg zurück, stolpert und schliddert quer über den Laminat des Wohnzimmers, wild kreischend und vor Freude gackernd.
Tiefes Durchatmen und schnelles Durchdenken, was kann ich als Strafe androhen? Keine Süssigkeiten mehr? Kein Kuscheln beim KassetteHören? Kein Fernseh? Kein iPad?… Was denn bloß?
Das Kind kommt erneut in die Küche gerannt. Ähnlich schnell, ähnlich fast in die Spülmaschine plumpsend. Ich ignoriere das erneute wieder NichtGehorchen – das Kind hat mich lediglich nicht gehört – und beende meine Arbeit rund ums Geschirr. Inzwischen hat sich die Anzahl der Kinder verdoppelt. Zwei wilde Kerle rennen unkontrolliert durch die ganze Wohnung, ihre “Arbeitsaufträge” völlig außer Acht lassend und entgehen immer wieder nur haarscharf schwereren Unfällen.
“Jetzt reicht’s. Hört auf der Stelle mit der RumToberei auf. Schnappt euch eure Schlafanzüge und zieht euch um, sonst könnt ihr das KassetteHören vergessen.”
Die Kerle quietschen und kreischen, sind so sehr in ihrem Element, dass sie nicht mal in Erwägung ziehen, zuzuhören.
“Ok. Süssigkeiten morgen sind gestrichen. Ich hab keine Lust mehr.”
Erst jetzt kommt eine Reaktion.
“Neeein!” Dem Großen wird das Ausmaß der misslichen Lage bewusst, doch zu spät. “Nee. jetzt ist es zu spät…” Geschrei unterbricht mich in meinen weiteren Erklärungen für meine “ach so erzieherische Maßnahme”. Das eine Kind weint und schreit, das andere versucht weiter die inzwischen nochmal kurz vom Papa geöffnete Spülmaschine zu treffen und ich werde lauter und lauter, um mir Gehör zu verschaffen. Dann läuft das Faß über.
“Es reicht. Schluss jetzt! Keine Süssigkeiten, keine Kassette und kein Fernsehen.” Dann schnappe ich mir resolut den kleinen Kerl und nehme ihn mit ins Bad. Den Großen lasse ich weinend und schreiend beim Papa zurück. Frustriert, weil ich nicht ruhig geblieben bin und das Ganze so aus dem Ruder gelaufen ist, helfe ich beim Umziehen und Zähneputzen und frage mich den lieben langen Abend, was da heute schief gelaufen ist?

Die DiskussionsRunde sei hiermit eröffnet.

11 Kommentare

  1. srssrs sagt

    Gemütsruhe hat halt einfach Grenzen.
    Aber ich kenne dieses Gefühl, gerade bei den eigenen Kindern, danach nicht mit der eigenen Reaktion zufrieden zu sein.
    Lösung habe ich leider keine. Nur finde ich den Zustand wirklich verbesserungsbedürftig.
    Ist aber nichts, was man auf Kinder beschränken muss. Ich kenne das durchaus auch aus dem (Berufs)Leben.

    Ich hatte mit meinen kleinen Mal eine ähnliche Situation und habe sie dann schlicht ignoriert. Später wollten sie dann ins Bett gebracht werden. Da habe ich dann gesagt, dass der Zug abgefahren ist und sie müssen heute eben alleine ins Bett. Mama war nicht da, also gab es da auch keine ernsthafte Alternative. Seitdem ist das nicht wieder passiert.
    Aber dieses Verhalten sehe ich inzwischen auch wieder kritisch, weil es doch eine sehr harte Reaktion ist.

  2. Es gab mal eine Demo mit selbst gemaltem Plakat von 2 Kindern für einen Bettentausch. “Ihr ward den ganzen Abend zu mir doof. Dann bin ich das jetzt auch”, hab ich gesagt. So schlief ich in meinem großen Bett. Und die beiden auf Matratzen auf dem Boden.

  3. Eva sagt

    Ich hab festgestellt, dass es oft hilft, wenn man das Kind festhält (das klingt jetzt so brutal, aber ich meine, sich auf Augenhöhe mit dem Kind begeben und mit ihm innehalten) und dann mit ihm zu sprechen. Wenn ich das gleich am Anfang einer solchen Situation mache, eskaliert sie nicht und ich “muss” nicht brüllen. Leider vergess ich meine Erfahrung auch immer wieder und dann schrei ich doch wieder rum. Aber, wie gesagt, wenn ich dran denke, hilft es sehr. Ich denke, wenn es mal passiert, werden es sowohl die Kinder als auch die Eltern unbeschadet überstehen, wenn die allgemeine Atmosphäre liebevoll ist. Und solange du darüber so reflektiert schreiben kannst, ist ja noch nichts verloren^^

  4. Ina sagt

    Hallo,
    gibt es hier leider auch. Was manchmal hilft: zurück in Jetzt, also die ganzen Muss noch abstellen und sich dem/den Kind/ern widmen. Kurz fragen welches Bedürfnis dahinter steckt: Toben, Aufmerksamkeit, Nicht-ins-Bett-wollen? und dieses dann wahrnehmen oder versuchen umzuleiten. Ansonsten Kinder mit einbauen in dieser Situation evtl Hindernis-Parcours ins Bad, die umständlichste Art Schlanfanzug anzuziehen ausdenken Oder kurz abbrechen alle mit Rausnehmen und mit Kurzzeitwecker mit Eltern Fangenspielen, …

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  6. Liebe rage,
    die minimierten Kommentare (in Teil 2) angesprochen, liegen vielleicht auch daran, dass nicht alle deine Leserinnen Mütter sind. Ich kann hier nicht mitreden (noch nicht :o)) und bin daher lieber still…
    Liebe Grüße
    Nanne

  7. Pingback: Die BrüllFalle. Teil3 | MamaDenkt.de

  8. Mari sagt

    Unsere Montessori-orientierte Tagesmutter hat uns mal empfohlen nicht den Kindern hinterher zu rufen, sondern zu denen zu gehen, auf augenhöhe und dann Kind direkt in die Augen schauen, an der Hand nehmen und überzeugt sagen, komm, jetzt gehen wir schlafen, jetzt ziehen wir den Schlafsack an etc.

    • Oh hej, das hört sich gut an. Als ich das gelesen habe, war der erste Gedanke: “Boar, klar. Das muss ich mal ausprobieren.” Allerdings ist mir dann aufgefallen, als ich es bewusst umsetzen wollte, dass wir das erstaunlicherweise in 85% der Fälle genauso tun. Danke!

  9. Sabine Biesalski sagt

    Die “Montessori-Methode” gefällt mir. Ich habe drei Kinder und sechs Enkel. Die können auch einzeln ganz schön anstrengend sein. Grenzen werden immer wieder ausgetestet. Ich verhalte mich immer wieder nicht optimal. Manchmal gibt’s deshalb sogar Stress mit meiner Tochter. Aber so ist das Leben. Brüllen kommt so gut wie nicht mehr vor, aber immer mal wieder das Gefühl, völlig hilflos vor einer Situation zu stehen. Das Mädchen (5) will dies. Der Junge (3) will das. Beides geht nicht. Mögliche Alternativen wollen beide nicht. Mittlerweile sage ich nur noch: Und nun? Dann kommen sie selbst auf Ideen. Oder sie hören nicht. Was bei einem Kind noch geht, ist mit zweien unmöglich: Dem “schnappen und auf Augenhöhe …” entziehen sie sich durch weglaufen. Ich renn da nicht hinterher. Auch nicht in der Wohnung. Eine bzw. einer fühlt sich immer benachteiligt. Ich setz mich aufs Sofa und warte ab. Geduld hab ich gelernt. Oma sein ist aber auch was anderes als Mama sein. Ich weiß ja genau: In ein paar Stunden ist das alles vorbei. Da kann ich mir Gelassenheit leisten. Und ich finde es nicht schlimm, nicht perfekt zu sein, mal laut zu werden. So sind wir: unperfekt. Die Kinder dürfen das spüren. Wichtig ist, dass nach einem Streit wieder Versöhnung ist. Streit verändert unser Verhältnis zueinander. Meine Enkelkinder sind achtsamer mit mir geworden nachdem ich einmal sehr zornig geworden bin. Schade, dass das die Methode ist, Grenzen zu setzen. Ich hab mir das auch nicht ausgesucht. Denke auch nicht, dass das einzig an mir und meiner Fehlbarkeit liegt, sondern viel auch an der ständigen Reizüberflutung durch diese schnelle Welt. Die Enkelkinder finde ich viel lauter und fordernder als meine Kinder es waren. – Ich lese Deinen Blog sehr gerne!

    • Liebe Sabine,
      danke für deinen Kommentar und deine Sicht als Oma. Ich habe mich heute noch mit einer Frau unterhalten, mit der ich gemeinsam auch zu diesem Punkt gekommen bin: Unsere Welt ist so viel schneller geworden. Kids haben in kurzer Zeit immer so viele Herausforderungen und Beziehungen zu meistern. Das gab es in der Form früher nicht.
      Ich will das gar nicht werten. Dass es eben anders läuft. Wenngleich mir das Schnelle persönlich nicht gefällt. Denn meist es weiterhin die Zeitnot, die Situationen zum Eskalieren bringt. (Eskalation bedeutet heute: streng oder etwas lauter werden. Kein Brüllen. Ha!)

      Liebe Grüße an dich. Und danke für dein Kommentieren.

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