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Lass sie reden und lerne fliegen. Mein Selbstbewusstsein

Mein Selbstbewusstsein 01

Die vergangenen fünf Jahre habe ich viel über mich, über uns als Paar und uns als Familie gelernt. Über mich als Mutter, als Frau, als Mensch… Es sind so viele Dinge in unserem Leben passiert, zu denen jede*r etwas zu sagen hatte, wenn er gekonnt hätte. Ich musste mir viel Selbstbewusstsein erarbeiten, um mich für die Dinge zu entscheiden, die für uns als Familie wichtig sind, wegzuhören und reden zu lassen. Gar nicht so leicht, wenn es echt und von Dauer sein sollte. Ihr kennt das vermutlich.

Lass sie reden – dazu gehört Selbstbewusstsein

Natürlich gab es Momente, in denen ich genau wusste, der andere würde es anders machen und ich dadurch sehr verunsichert war. Aber soll nicht ich entscheiden?! Dann mache ich es auf meine Weise. Das Stillen, das Zufüttern, das Schlafen, das “Erziehen”, das Impfen, das Einkaufen, das Einrichten des Kinderzimmers, das Tragen im Tragetuch, das Insbettbringen, das Streiten, das Übergeben in eine Betreuungseinrichtung oder auch das Einfordern oder eben Nicht-Einfordern von Hausaufgaben und anderer Leistungsnachweise.

Das ist mein Resümee. Ein Resümee, das dazu geführt hat, dass ich in den Genuss mancher Aussagen gar nicht mehr und auch gar nicht erst gerate. Vielleicht mache ich mir inzwischen aber auch keine so großen Gedanken mehr darüber. Sie triggern mich nicht.

“Was? Dein Kind schläft nicht alleine ein?”

Eine Freundin hat zwei wundervolle Kinder, der Jüngste gerade mal anderthalb. Erst kürzlich meinte sie , dass sie von einer jungen Frau mit verächtlichem Blick gefragt worden sei, “Wieso gehst du denn nachts immer zu ihm, wenn er weint? Ich habe meinen immer weinen lassen. Dann war auch irgendwann Ruhe.”

Das sind Aussagen, die kenne ich so gar nicht. Vielleicht hatte ich Glück? Vielleicht hatte man Angst mir sowas vorzuschlagen? Oder ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern? Heute wüsste ich ziemlich genau, wie meine Antwort auf eine solche Aussage ausfallen würde. Dafür treffen mich andere Sachen.

Wenn ich mich mit den Gedanken anderer über mich oder mein Leben auseinandersetze (n muss), hat das Inhalte, wie zum Beispiel die Kündigung einer Wohnung für einen Auslandsaufenthalt. Oder den Kauf eines uralten Hauses oder auch das Beenden eines Arbeitsverhältnisses, weil ich vermute, es psychisch über kurz oder lang nicht auszuhalten.

Über diese Dinge rede ich allerdings erst, wenn ich für uns und für mich alle möglichen Optionen abgewägt habe. Bei dem Einholen von Rat oder Zuhörern überlege ich mir inzwischen sehr genau, mit wem ich das Gespräch suche, wen ich reden lasse. Ich höre längst mich mehr auf jeden gut gemeinten Rat und lasse mir nicht mehr von jedem erzählen, wie er es machen würde.

Wenn meine Entscheidung publik wird, befinde ich mich meist an einem Punkt, an dem alles durch ist. Nicht immer, aber immer öfter. Es gibt dann nichts mehr zu reden und nur noch wenig Raum für “gewinnbringende” (Rat-) Schläge.

Reden ist Silber Schweigen ist Gold

Und genau das ist für mich der Punkt, warum ich andere reden lasse und versuche bei mir zu bleiben. Das heißt nicht, dass ich nicht auch mal etwas rate oder empfehle. Vor allem möchte ich dann jedoch

a)  genau hinhören und versuche
b) meine Hilfe anzubieten, sofern sie gewünscht oder erfragt wird.

Denn nicht immer will jemand meinen Rat. Manchmal geht es darum, einen Zuhörer zu finden. Jemanden, der einem den Rücken stärkt und genau hinhört. Selten geht es darum, einen konkreten Rat haben zu wollen.

Ein banales Beispiel: Wenn ich meinem Mann erzähle, was mir da und da passiert ist, möchte ich manchmal gar nicht wissen, was er damit macht oder denkt. Ich wünsche mir sein Zuhören. Vielleicht ein bisschen Bestätigung. In erster Linie möchte ich jedoch das aussprechen können, was in meinem Herz rumort. Wenn er dann sagt, ich sollte doch einfach mal dort anrufen oder den Kontakt ruhen lassen, könnte diese lieb gemeinte und hilfsbereite Äußerung stark nach hinten losgehen. (Wenn ihr versteht, was ich meine.)

Ein: “Eure Große hat euch ja ziemlich in der Hand.” sobald ich mich um meine Tochter kümmere, die weinend am Boden liegt, ist weder für mich, noch für das Kind hilfreich. Wie kann man so eine Aussage von sich geben, frage ich mich?

“Lass sie reden.”

Ich gehöre zu den Menschen, die in der Regel als letztes erfahren, dass über sie geredet wird. Ist so. Die Tatsache, dass ich die Letzte bin, die davon erfährt, dass über sie oder ihr Business gesprochen wird, hat oft viel Segen. Ich kann viel und in Ruhe über die Dinge nachdenken, für die mein Herz brennt. Dadurch arbeite ich an meinem Selbstbewusstsein,

  • ohne mich ständig über das Gesagte der anderen zu ärgern,
  • immer wieder erneut in Zweifel zu geraten
  • oder mir reinreden zu lassen.

Lass sie reden und erringe Selbstbewusstsein und Selbstgewissheit in dem, was du tust. Wenn was schief läuft? Wow, gratuliere! Wieviel sich aus einem Scheitern lernen lässt. Mehr als du denkst. Mehr als du gelernt hättest, wenn du nicht gescheitert wärst.

Das Selbstbewusstsein, sie reden zu lassen

… kommt nicht über Nacht. Bei uns hat es gedauert und dauert noch immer. Wir haben reduziert, sowohl unseren Besitz als auch immateriellen Kram, den kein Mensch braucht. Wir waren in der Ferne, um wieder zurückzukehren und Nähe zu erfahren. Neue Freundschaften sind entstanden, alte Beziehungen wieder aufgelebt. Mein Job in der Flüchtlingshilfe war ein Teil des Weges, der uns aus dem akuten Burnout herausgeführt hat. Nichtsdestotrotz kam ich an meine Grenzen und auch hier hat sich längst wieder einiges geändert.

Erstaunlicherweise gab es immer Menschen, die dazu etwas ungefragt zu sagen hatten. Doch sie wurden weniger. Wir verloren etwas von diesem unerwünschten Interesse der anderen, weil wir sie reden ließen und sie wussten, die machen ja eh, was sie wollen. Manchmal denke ich, dass unsere Entscheidungen so speziell wurden, dass uns so mancher  eh nicht mehr für ganz voll genommen hat. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, wir ruhen in uns selbst und haben allein dadurch viel Selbstbewusstsein erlangt.

Selbstbewusstes Elternsein

Für die Entscheidungen zu stehen, die wir insbesondere für unsere Kinder treffen, fällt manchmal nicht leicht. Aber wir können besser darin werden, indem wir uns Scheitern und das Fehler machen zugestehen. Uns nicht gleich selber an den Pranger stellen oder von den anderen stellen lassen. Wovor müssen wir Angst haben? Was zählt sind unsere Familien, unsere Kinder und wir als Eltern. Nicht, was andere von uns erwarten, der Arbeitskollege, das Bildungssystem oder die Nachbarn. Manchmal wirken unsere Entscheidungen extrem, dabei sind es oft die Lebensumstände.

Extreme Lebenssituationen erfordern selbstbewusste Entscheidungen

Extrem kann alles sein. Nur ein Gehalt, weil der andere schwer erkrankt ist oder ich als Frau oder Mann plötzlich alleinerziehend durchs Leben ziehe. Extrem sind monatelang durchwachte Nächte, aber auch das Leben mit einem Kind, das extrem auffällig in der Schule ist und sich in sozialen Interaktionen nicht zurecht findet. Extrem kann sein, wenn alle genau wissen, dass das Stillen blöd und Impfen keine Option ist. Als Eltern werden wir plötzlich damit konfrontiert, was es heißt über einen anderen Menschen Entscheidungen zu treffen. Wir werden damit konfrontiert, wie es die anderen machen. Das eine machen wir nach, von dem anderen grenzen wir uns ab und weil wir alle so extrem unterschiedlich sind, klappt das Kopieren mancher Dinge nicht immer.

Lerne fliegen

Als Kind habe ich immer geträumt, dass ich gejagt werde. Ich konnte aber fliegen und habe es jedes Mal gerade so geschafft, in die Lüfte zu entfliehen. Von oben hatte ich einen grandiosen Blick und konnte Vieles besser einsehen und einschätzen.

Ich glaube, dass das tatsächlich der Fall ist. Klar, wir können nicht fliegen. Nicht ohne Flugzeug. Aber wir können uns von den Erwartungen und Vorstellungen der anderen lösen, fliegen lernen und dadurch einen besseren Überblick über das gewinnen, was vor uns bzw. unter uns liegt.

Heute Abend höre ich mich dazu mutig an. Das kann in einer Woche wieder anders sein. Aber heute Abend ist es so und ich mag diesen Mut gerne mit euch teilen.

Wieviel Selbstbewusstsein habt ihr? Lasst ihr reden? Redet ihr? Redet ihr zu viel? Zu wenig? Erzählt doch mal. 

Ach so: Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017: https://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/ELTERN-Blog-Award-2017. Drückt die Daumen. Vielleicht wollt ihr ja auch zu einem geheimen Elternhelden werden?

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