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Lesestoff: Befreiung vom Überfluss von Niko Paech

Während ich die Überschrift des neuen BlogPosts in meine Tastatur hacke, frage ich mich: Wo wurden die Tasten eigentlich hergestellt? Die weißen kleinen Vierecke, auf die meine Finger hämmern? Welche Seltenen Erden wurden für das InnenLeben meines Computers verwendet? Und wenn nicht für den, dann zumindest für mein Smartphone? Das Gerät, auf dem ich elegant mit den FingerKuppen hin und her slide. Wie werden diese Seltenen Erden gewonnen? Was, wenn demnächst das noch bessere Gerät auf den Markt geworfen wird? “Sichere dir jetzt dein nagelneues XYZ und sei einer der Ersten, die die neueste Innovation von ABC in Händen hält.” Brauche ich eigentlich je wieder ein solches Gerät, sollte meines nicht mehr funktionieren? Denn eigentlich würde ich auch ohne auskommen, oder? Jedes Teil, das ich konsumiere, raubt mir gleichzeitig ein Stück meiner Zeit. Will ich das also konsumieren? Hab ich noch Zeit zum Konsumieren? Oder bin ich zu sehr mit Anschaffen und Horten beschäftigt, als dass ich einen solchen Gegenstand auch vollends nutzte?

Wenn ich jetzt die Drogerie betrete, dann fallen mir bunte Eier, FrühlingsTee und OsterhasenKörbchen entgegen. Aber mal im Ernst: Die gab’s doch letztes Jahr auch. Und letztes Jahr hat sich auch jeder damit eingedeckt. Was ist mit den Körbchen von letztem Jahr geschehen? Alle im Müll entsorgt? Auf dem Dorf werden doch sowieso viel eher MoosNester gebaut. Nix kaufen. Wo sind all die Körbchen von 2013 hin?

Vor drei Monaten im SpielwarenGeschäft, das u.a. DekoArtikel verkauft. Ein Pärchen. Beide irgendwas zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Sie schaut sich um, stöbert in der weihnachtlichen Dekoration und hebt das ein oder andere weihnachtliche Klimbim näher ans Gesicht, während ich zu meinem roten PaketBand eile.
Er: “Sieh mal, hier. Nett, oder?”
Er hebt irgendeinen SaisonArtikel empor und zeigt ihn ihr. Sie nickt nur nichtssagend und ist weiter mit ihrer ProduktAuslage beschäftigt.
Er: “Oh lila, Schatz. Was hältst du davon, dieses Jahr den WeihnachtsBaum mal ganz in lila?”
Sie dreht sich interessiert um, nickt, bekommt glänzende Augen und tritt zu ihm.
Das DekoMaterial von 2013 wird zusammengestellt.
Ich werde diese Szene von damals nicht vergessen. Wir sind nun schon seit einigen Jahren miteinander verheiratet und haben jedes Jahr Weihnachten gefeiert. Jedes Jahr mit Baum. Jedes Jahr mit dem dummen Gefühl, ist der Baum wirklich nötig? (btw: Wenn ich mal ein Haus habe, dann brauch ich neben dem GemüseGarten und den ObstBäumen eine Tanne. Eine MiniTanne, die ich die kommenden Jahre schmücken kann. Ich glaube, dann geht es mir besser, wenn ich an meine persönliche ökologische Bilanz denke…) Jedes Jahr dieselbe Deko, ergänzt durch irgendwelche PaketAnhänger oder NikolausMitbringsel. Ich hab noch nie darüber nachgedacht, unseren Baum in einer bestimmten Farbe zu schmücken. Zumindest nicht jedes Jahr eine andere. Wo soll ich denn die verschiedenfarbigen ChristbaumKugeln alle lagern? Bei uns gibt’s weiße und rote. Deren Lagerung und des angesammelten Rests reicht mir immer schon völlig aus. Wenn ich jetzt auch noch… diesen Überfluss lagern müsste…
Warum habe ich erst die letzten fünf Jahre das dringende Bestreben mich von meinem Überfluss zu befreien? Souverän zu werden. Nicht mehr abhängig von irgendwelchen FremdversorgungsKetten zu sein. Sei es Gas, seien es Lebensmittel oder Kleidungsstücke – ich will meine Unabhängigkeit zurück. Aber hatte ich die jemals? Wer von uns kann das noch behaupten?

Ausgelöst zwar nicht, aber verstärkt wurden diese Fragen nach der Lektüre von Niko Paechs “Befreiung vom Überfluss”. Das Buch liegt durchgelesen neben mir und noch immer bin ich überwältigt von dem, was da auf knapp 150 Seiten an Essenz zusammengestellt ist.

Worum es geht: Paechs bietet ein AlternativKonzept und stellt es vor: die PostwachstumsÖkonomie. Dorthin ist es ein langer Weg. Aber nach dem Lesen des Buches, scheint er gangbar. Die Politik müsste in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mal eine Vollbremsung machen, sondern lediglich den Fuß vom GasPedal nehmen. Das BruttoinlandsProdukt ist eigentlich weder ein günstiger noch ein sinnvoller Anzeiger bzgl. des Wohlergehens einer Gesellschaft. Die SchuldenFrage ließe sich mitunter auch durch die PostwachstumsÖkonomie lösen. Außerdem geht es um Souveränität. Die hat nicht der, der viel besitzt, sondern der, der wenig braucht. (vgl. Paech)

Nichts ist so einfach, wie zu verzichten. Nichts ist so schwer, wie zu reduzieren. Wir sind so sehr auf Wachstum gedrillt, das wir uns die entscheidenden Fragen gar nicht mehr stellen. Wir besitzen gar keinen Bezug mehr zu dem Wert einer Sache, eines Produkts, da wir nicht wissen, was an Arbeit und Ressourcen überhaupt drin steckt. Stattdessen begeben wir uns mehr und mehr in Abhängigkeiten von EnergieSklaven und Gütern, die, wenn sie mal wegfallen, unser Leben nur im günstigsten Fall auf den Kopf stellen. Wer von uns wäre heute noch dazu in der Lage sich vier Wochen lang selbstzuversorgen, wenn ein Blackout über uns hereinbricht?
Wir bekommen alles vor die Nase gestellt und kaufen. Das Bundesministerium für Umwelt hat einmal versucht zu erfassen, wie viele Gegenstände ein Bundesbürger im Durchschnitt besitzt. Zeit zum Raten? … 3000? Bei weitem nicht. 5500? Nein. 8000? Nein. 10 000.

Der ein oder andere mag sagen: “Ja, und?!”; dann weiß ich erstmal auch nichts zu sagen. Ich finde 10 000 ganz schön viel. Aber was sollen wir denn mit all dem Überfluss, der uns

1. mit knapper werdenden Ressourcen konfrontiert und
2. massive Schäden unserer Umwelt mit sich bringt?

Wenn ich dann zum Beispiel frage, wieso Banken ihre bisherigen GeschäftsRäume vergrößern und erneuern und das nicht nur ein bisschen, sondern in luxuriösen Ausmaßen – kurze Zeit nach einer Banken- und WirtschaftsKrise – bekomme ich nicht selten die Antwort zu hören: “Ist doch gut. DAS schafft ArbeitsPlätze.” Und ich glaube, das ist wirklich ernst gemeint. Zutiefst ernstgemeint. Die Idee, dass diese ArbeitsPlätze auch anderer Natur sein könnten, ist keine DiskussionsGrundlage. Bislang kam ich mir mit diesen persönlichen Gedankengängen immer naiv und viel zu idealistisch vor. Nachdem ich dieses Buch von Paech durchgelesen habe, stelle ich fest:

a) So dumm waren meine Gedanken und Fragen gar nicht.
b) Ich kann tatsächlich einen Anfang machen. Durch mein Reduzieren. Meinen Verzicht. Meine Selbstversorgung oder dem Erlernen bestimmter Fähigkeiten. Gesellschaft geht voran, Politik zieht meist nach.
c) Ich finde mich mehr und mehr in Umfeldern wieder, in denen ich mich völlig fehl am Platz fühle. Menschen können diese Denke einfach zunehmend weniger nachvollziehen – wie mir scheint. Ebenso fällt es mir schwer zu verstehen, warum das denn nicht logisch ist, dass Plastik eben nicht nur praktisch, sondern furchtbar giftig und zerstörerisch ist; um mal ein konkretes Beispiel zu nennen. Oder der Überfluss so gigantisch, in dem wir leben.

Fazit: Das Buch ist PflichtLektüre, wenn dir Minimalismus als LifeStyle nicht reicht. Wenn sich hinter dem Verzicht ein VerantwortungsGen verbirgt.
Das Buch macht Mut und motiviert, wenngleich es mit der harten Realität und der erforderlichen, jedoch noch ausstehenden menschlichen KehrtWende konfrontiert.
Das Buch ist an der ein oder anderen Stelle schwierig formuliert. Man muss sich tatsächlich reinlesen in den BWL-Jargon. Durch den Gebrauch vieler konkreter AlltagsBeispiele lässt sich der rote Faden aber auch für eine Laie wie mich gut nachvollziehen.

Wie gesagt: Ich finde, es ist eine PflichtLektüre, um sich mal mit PostwachstumsÖkonomie auseinanderzusetzen.

PS: Erst kürzlich wurde Paech mit dem ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit für seine Arbeit ausgezeichnet.

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